RYAN

RYAN

Name & Zeichen

Ryan. Der Name hing an ihm wie ein Fleck, der nicht mehr aus dem Stoff will.
„Typisch amerikanisch“, sagten die Jungen in der Umkleide, wenn sie lachen wollten. „So nennen die Heteros ihre Kinder.“ Manchmal zogen sie das Ryaii-an in die Länge, bis es mehr nach Hohn klang als nach Mensch.

Morgens im Treppenhaus roch es nach Reinigungsmittel und billiger Seife. Aus einer offenen Tür lief das Radio in den Flur:
„Die Afrikanische Union verlängert den Hilfskredit für die Vereinigten Staaten. Weitere Auflagen betreffen Programme gegen heterosexuelle Jugendkultur. In Baltimore sind die Hilfslieferungen eingetroffen …“

Ryan blieb einen Atemzug lang stehen. Dann schloss er die Jacke enger. Rosa, wie vorgeschrieben. Darunter das Blau. Baumwolle, kratzig, verboten.


Nur Stoff, dachte er. Nur Farbe. Warum fühlt es sich an wie ein Geständnis?

Auf dem Schulhof lag etwas neben den Mülltonnen, das dort nicht liegen sollte: ein Ball. Kein weicher Lederball fürs Bodenturnen, kein pastellfarbener Gymnastikball. Ein Fußball, grau, abgegriffen, halb platt. Er lag da wie ein Geheimnis, das niemand haben wollte.

Ryan sah weg und sah doch hin. In seinen Handflächen kribbelte es.
Rennen. Stoßen. Fallen. Aufstehen. Das Wort Pirouette brach an ihm ab wie ein stumpfer Ast.

„Bleib zart, Ryan“, hatte seine Mutter gestern gesagt, als sie ihm über die Wange strich. „Die Welt ist hart genug.“

An der Turnhalle glänzte ein Poster im Morgenlicht:

Echte Jungs pflegen ihre Haut.
Sag Nein zu hetero Sportarten.
Ballett baut Seele. Fußball zerstört.

Die Lautsprecher in der Aula klickten. „Denken Sie daran, Schüler*innen: Eleganz ist Pflicht, Aggression ein Warnsignal. Melden Sie Auffälligkeiten an die Vertrauensstelle.“ Jemand neben ihm wich zurück, als stünde Ryan unter Strom.

Im Vorbeigehen strich er mit dem Fuß gegen den Ball. Ganz leicht. Der Aufprall war kaum hörbar, und doch fuhr ihm das Geräusch durch den Körper wie ein verbotener Ton. Er ging weiter, als hätte er nichts getan.

Ich bin hetero, sagte etwas in ihm, so klar, dass er sich umsah, ob jemand es gehört hatte. Niemand sah zurück. Nur das Blau unter seiner Jacke brannte gegen die Haut, als sei Farbe plötzlich eine Temperatur.

Hausordnung

Zuhause war alles an seinem Ort. Die Schuhe seiner Mutter standen im Flur in einer Reihe, als wollten sie salutieren. Auf dem Couchtisch lag eine Broschüre: Boys of Grace – Der Weg zur Sensibilität. Gelbe Klebezettel steckten wie Fähnchen in den Seiten.

Der Fernseher lief ohne Ton. Eine Nachrichtengrafik zeigte ein Flugzeug voller Hilfsgüter, darunter die Schlagzeile: „Nigeria erhöht Stipendien für US-Studierende – Gegenleistung: Aufklärung gegen Heterosexualität.“ In der Ecke des Bildschirms lächelte eine Generälin in dunkelgrüner Uniform. 

Daneben: ein Rekrutierungsclip, lautlos, aber deutlich – ein Mann in rosa Feldbluse, makellos geschminkt. Darunter die Schrift: Sanft. Schön. Soldat. Und, im feinen Lauftext unten: Östrogen macht Helden aus dir.

Sein Vater kam aus der Küche, Avocado auf geröstetem Brot, akkurat in Fächer geschnitten. „Iss, Junge. Gleichgewicht ernährt die Seele.“ Er legte den Teller vor Ryan, als stelle er eine Waage ab.

„Wie war die Schule?“ fragte seine Mutter, im Kostüm, Schürze darüber, weil Fettflecken auf Amtsschals nicht verziehen wurden.

„Wie immer.“ Ryan schnitt die Kruste ab, legte sie beiseite. 

Wie immer: Poster, Durchsagen, ein Ball, der ihn ansah.

Seine Mutter setzte sich, die Hände um die Tasse, als hielten sie etwas Festes. „Deine Aufnahmegespräche an der Akademie sind nächste Woche. Frau Direktorin hat gefragt, ob du deinen Ausdruck verbessert hast.“ Sie lächelte. „Es gibt Kurse, die helfen gegen Härte im Körper. Sanftheit kann man üben.“

Ryan nickte. Härte im Körper, dachte er, und sah das Feld, das Gras, den Rost eines alten Tores, das er nur aus Träumen kannte.

„Ryan?“ Sein Vater neigte den Kopf. „Ein Nachbarsjunge hat mir erzählt, du hättest heute früh …“ Er suchte nach einem Wort. „… gegen einen Ball getreten.“

Es war nur ein Flüstern, aber es füllte den Raum.

„Ein Reflex,“ sagte Ryan. „Ich hab mich erschrocken.“

Seine Mutter lachte kurz und sofort wieder nicht. „Du weißt, wie das wirkt. Die Leute sehen dich, sie machen sich ein Bild. Und die Welt dort draußen ist nicht gnädig mit unseren Jungs.“

Er wollte sagen: Es war nur ein Schritt. Ein Ton. Er wollte sagen: Ich kann nicht anders. Stattdessen trank er Wasser und schmeckte Metall.

„Manchmal,“ sagte sein Vater, „wünschte ich, du wärst schwul. Dann wäre alles einfacher zu erklären.“

Ryan legte die Gabel ab. Das Blau unter seiner Jacke fühlte sich plötzlich wie Rüstung an.
Sie wünschen sich ein anderes Kind, dachte er. Und ich sitze hier und esse ihre Ordnung.

Im Flur lief wieder das Radio an: „… Bürgerkomitee ruft dazu auf, heterosexuelle Tendenzen frühzeitig zu melden. Für betroffene Familien gibt es kostenlose Beratung …“

Ryan stand auf. „Ich lerne auf meinem Zimmer.“

Er ließ die Tür einen Spalt offen, als ginge es um Luft, nicht um Flucht.

Unterricht

„Die Gefahren der Heterosexualität“, schrieb Frau Martínez an die Tafel, in Buchstaben, so weich, dass man fast vergaß, was darauf stand. Sie trug einen Hosenanzug in Pfirsich, ihre Stimme war freundlich, als erkläre sie jemandem das Wetter.

„Heterosexualität“, sagte sie, „ist eine Form der sozialen Störung, die in Archaismen wurzelt. Sie äußert sich in unkontrollierter Bewegung, grobem Körperbild, Dominanzfantasien. Sogenannte ‚hetero Sportarten‘ – Fußball, Boxen, Gewichtheben – funktionieren als Einschüchterungsinstrumente. In der Kolonialgeschichte wurden sie genutzt, um zarte Kulturen zu brechen.“

Die Klasse nickte in Taktung, als sei die Zustimmung ein Unterrichtsfach. Neben Ryan radierte jemand die Kante eines Herzens aus dem Heft, ohne hinzusehen.

„Wer Beispiele nennen kann, hebt bitte die Hand,“ fuhr Frau Martínez fort.

„Mein Onkel war früher hetero,“ meldete sich ein Junge mit glitzernder Krawattenspange. „Er hat immer vom Training geredet, von Muskeln und… also. Er hat eine Therapie gemacht. Jetzt macht er Synchronschwimmen und ist viel ruhiger.“

„Danke, Gabriel.“ Die Lehrerin lächelte, als hätte jemand eine richtige Farbe gewählt. „Es gibt Hilfe.“

Ryan schrieb irgendetwas auf, nur um die Bewegung der Hand zu haben.
Ich will keinen Applaus, dachte er. Ich will Atem.

In der Pause glitten die Gespräche über Cremes, über Taschen, über die neue Duftlinie einer Sängerin, die zu dünn war, um zu atmen. An der Fensterfront spiegelte sich ein Plakat aus dem Hof in die Klasse:

Sei stolz. Sei schön. Sei schwul.

Melde Heteros – schütze die Zukunft.

Später, auf dem Weg zur Bibliothek, blieb Ryan vor einem Aushang stehen. Ein Werbevideo lief in Endlosschleife: eine Frau in Exo-Rüstung, Helm unterm Arm, glitzernder Schulterriemen; neben ihr ein junger Mann, weich geschminkt, milde lächelnd.
Stärke ist weiblich. Sanftheit ist männlich. Gemeinsam sicher.

Im Untertitel flimmerte es: „Östrogen ist für Einsatzmänner kostenfrei.“

Ryan drehte sich weg, bevor das Video wieder von vorn begann.

Ich will nicht sanft sein, um zu funktionieren, dachte er. Ich will frei sein, um atmen zu können.

Jemand rief seinen Namen. „Ryaii-an!“ Gelächter, das nicht aus Freude kam. „Zeig mal dein Shirt,“ sagte eine Stimme. „Ist das darunter … blau?“

Er ging weiter. Die Finger in den Taschen. Die Jacke zu.
Atmen. Zählen. Nicht stehen bleiben.

Platz

Der Platz lag hinter den Lagerhallen, wo die Stadt aufhörte und nur noch Luft blieb. Zäune, aufgerissen. Gras, das zu hoch stand. Ein Tor, das aussah, als hätte es seinen Zweck vergessen.

Das Schloss am Seitentor war nur Deko. Ryan schob, es quietschte, er war drin. Draußen fuhr ein Lieferwagen vorbei; jemand warf Kartons aus dünnem Pappstoff auf den Bordstein – Made in USA, stand darauf, als wäre es eine Entschuldigung.

Der Ball lag da, als hätte jemand ihn für ihn hingelegt. Blass, zerschunden, schwerer als sein Blick. Ryan hob ihn auf. Die Nähte schnitten in die Finger.

Er ließ ihn fallen. Der Ball sprang, als wüsste er noch, was man mit ihm tat. Ryan trat. Der Klang war nicht laut, aber er öffnete etwas in ihm, das schon lange geschlossen war. Er lief los. Das Gras zog ihm an den Schuhen, der Atem brannte, die Beine wurden warm. Er zählte nicht. Er dachte nicht. Er war nur Bewegung.

So fühlt sich Wahrheit an, dachte er. Nicht als Satz, sondern als Strecke.

Er schoss aufs Tor, traf Metall, der Ball sprang zurück, er nahm ihn an, wieder. Die Welt draußen war ein Summen, das ihm nichts mehr befahl.

Dann knackte es im Zaun. Stimmen. Kichern, das schnitt. „Heeey, Ryan! Was machst du da?“ Ein Gesicht zwischen Maschen, zwei, drei. „Das ist ja … Fußball.“

Das Wort legte sich auf das Feld wie ein Schatten.

„Zeig mal, Hetero,“ sagte einer, „wie man Gewalt spielt.“

Ryan nahm den Ball auf, presste ihn gegen die Rippen. Der Druck tat gut. Er drehte sich nicht vollständig um, aber genug, um Gesichter zu sehen, scharf wie Kanten.

„Ja,“ sagte er. Seine Stimme war ruhig, obwohl seine Hände zittrig waren. „Es ist Fußball.“

Jemand pfiff spöttisch. „Pass auf, dass dich niemand meldet.“

Ryan legte den Ball wieder hin. Trat an. Schoss. Das Tor antwortete mit einem metallischen Stöhnen. Er rannte dem Ball nach, als könne man einer Drohung davonlaufen, indem man sie überholt.

Niemand stieg über den Zaun. Niemand kam auf das Feld. Die Stimmen blieben hinter dem Draht, lachten, flüsterten, wurden zu Wind.

Als er später das Tor wieder zuzog, klebte Rost an seiner Hand. Er wischte ihn an der Jacke ab. Rosa verschluckte das Braun nicht. Es sah aus wie eine Wahrheit, die man nicht mehr auswaschen konnte.

Sehnsucht

Die Schule informierte die Eltern. Natürlich. In einem Ton, der so höflich war, dass er schmerzte: „Auffällige Neigungen. Beratung empfohlen.“ Am Abend saßen sie zu dritt am Tisch, Teller wie Markierungen zwischen Fronten. Seine Mutter sprach vom Programm zur Reintegration, sein Vater vom Weg der Sanftheit, beide davon, wie gefährlich es sei, in einem armen Land auch noch „asoziale Tendenzen“ zu entwickeln.

„Wir haben einen Termin in der Beratungsstelle,“ sagte seine Mutter, als reichte sie ihm eine Fahrkarte. „Die helfen. Die nehmen den Druck.“

Ryan nickte, als hörte er zu. Er nickte, bis das Nicken sich anfühlte wie ein Tick.

Später lag er auf dem Bett, das Blau über der Brust, die Jacke auf dem Stuhl wie ein müder Kompromiss. Das Fenster stand offen. Von der Straße herauf klangen Fetzen aus einem Radio, das jemand zu laut gelassen hatte:

„… neue Sicherheitszonen um Botschaften jener Staaten, die Heterosexualität noch dulden. Die Regierung warnt vor Reisen. Visa werden nur in Ausnahmefällen erteilt …“

Er holte sein Handy. Suchte, ohne zu wissen, wonach. Die Seiten, die man finden durfte, waren sauber und leer. Die Seiten, die man nicht finden sollte, waren schmutzig und lebendig. Irgendwo dazwischen blieb er hängen: ein Blog, schlecht gesichert, voller Fotos, die auf ihn wirkten wie Luft nach langer Kellerzeit. Ein Platz, staubig, hell. Jungen, die lachten, Mädchen, die zurücklachten. Hände, die sich fanden, so alltäglich, dass es wehtat. Ein Ball in der Sonne.

Darunter Text in einer Sprache, die er nur halb verstand. Es reichte.
Hier darf man sein, stand da, sinngemäß. Hier ist es egal.

Ryan atmete durch die Nase, langsam, als könnte man Luft sparen.
Ich will dorthin, dachte er. Nicht, um jemand anders zu werden. Um ich zu sein.

Auf dem Weg in die Küche sah er das Fernsehbild im Wohnzimmer: eine Parade in der Hauptstadt. Frauen in Uniform marschierten, sauber, stark. Hinter ihnen rollte ein Wagen vorbei, hellrosa lackiert, darauf junge Männer in makellosen Blusen. Sanft. Schön. Soldat. stand auf dem Banner. 

Eine Sprecherin aus dem Off: „Super-Männer erhalten seit diesem Jahr kostenlos Östrogen. Gewaltprävention wirkt: Die Zwischenfälle sind rückläufig.“

Sein Vater drehte den Ton leiser, als Ryan vorbeiging. „Wir wollen doch nur, dass du heil bleibst,“ sagte er, ohne aufzusehen.

Ryan nickte, stand im Türrahmen, ein Schatten zwischen Möbeln.
Heil ist nicht dasselbe wie ganz, dachte er.

In seinem Zimmer legte er den Ball auf den Boden, ganz leise, als weckte er sonst etwas auf. Er schob den Fuß darunter, hob ihn an, ließ ihn rollen. Einmal hin, einmal her. Das Geräusch war klein, aber es füllte den Raum mehr als jedes Wort.

Draußen heulte kurz eine Sirene auf, verlor sich in der Kreuzung. An der Häuserwand gegenüber flackerte ein neues Plakat auf, frisch geklebt:
Reise in die Zukunft – bleib bei uns.


Darunter in Klein: Besuche hetero-freundlicher Staaten gefährden Stabilität und Familie.

Ryan griff nach dem Fenstergriff, ließ kalte Luft herein. Die Stadt roch nach Regen, auch wenn kein Regen fiel.

Er sah auf den Ball, sah auf seine Hand, die an der Kante des Rahmens lag, sah auf das Blau, das unter der Jacke hervorblitzte. Dann beugte er sich vor, schob die Jacke ganz aus, legte sie über die Stuhllehne, als hänge er eine Flagge ab, die ihm nie gehörte.

Ich will dorthin, dachte er noch einmal, diesmal ohne Angst, dass die Wände es hörten.
In ein Land, in dem man hetero sein darf.