Name & Zeichen
Das Schild am Ortseingang trug mehr Pflaster als Lack. Hinterwald stand darunter, darüber hing Papier in Schichten: Spenden für Krüger, Sicherheitsgarantien jetzt, Berghaus verteidigt nur, Westwind hilft. Die Leute sagten, hier ändere sich wenig. Aber die Zettel wechselten, und das war genug, um zu merken, was weiterging.
Herr Berghaus wohnte am Rand hinter einer Mauer, die so alt war, dass sie selbst wie ein Satz klang. „Das Feld drüben,“ sagte er und meinte den Hof Krüger, „war immer unseres.“ Er sagte „unseres“, als wäre das Dorf nur ein Spiegel. Im Dorf nannte man den Bootsschuppen am See längst beim Spitznamen: die Krim. Es war ein Scherz geworden, der keiner war.
Der Hof Krüger hatte die Fensterläden frisch gestrichen – Gelb, Blau – niemand tat so, als wäre das Zufall.
Hausordnung
Im Haus der Krügers stand die Thermoskanne wie ein Gewicht auf dem Tisch. „Heute Abend streamen wir wieder,“ sagte der Sohn. Er meinte: Wir erklären, was passiert, bevor andere es für uns erklären. Der Fernseher lief ohne Ton. Untertitel huschten: „Westwind liefert neue Maschinen; Schulungen am Samstag.“ In der Ecke lag ein Flyer des Vereins: Sicherheitsgarantien – Antrag stellen. Nichts davon war Romantik, alles war Verwaltung gegen Angst.
„Bleib ruhig,“ sagte die Mutter. „Ruhig ist nicht stumm.“
„Ruhig ist nicht stumm,“ wiederholte der Sohn, als müsse er das Wort anprobieren.
Unterricht
In der Schule schrieb Frau Lenz „Konflikte im Dorf“ an die Tafel. „Wie nennen wir Dinge, damit sie bleiben?“ fragte sie.
„Den Bootsschuppen nennen wir die Krim,“ sagte ein Mädchen, „damit alle wissen, worum es wirklich geht.“
Ein Junge hob die Hand. „Und die Hinterfelder heißen Donbass. Seit hier die Schauertrupps von Berghaus auftauchten.“
Jemand kicherte, weil das Wort „Schauertrupps“ zu groß klang für ein Dorf. Aber es blieb stehen.
An der Pinnwand hing ein Aushang: Melden Sie Grenzvorfälle am Nordzaun. In Klammern hatte jemand „Charkiw“ gekritzelt. Niemand riss es ab. Die Klammer machte die Sache verständlich.
Dorfchronik
Der Archivar, ein Mann mit ruhigen Händen, zeigte im Gemeinderaum alte Papiere. „Man nannte es damals Schutz,“ sagte er und legte einen Vertrag von vor Jahrhunderten auf den Tisch. „Perejaslaw hätte man dazu gesagt, wenn es hier jemanden interessiert hätte, wie andere Orte ihre alten Worte nennen.“
Dann das Foto einer aufgelösten Miliz. „Man nannte es Ordnung. Man hätte auch Sitsch sagen können. Am Ende war es: keine eigene Wache mehr.“
Ein Ukas aus einer anderen Zeit – das Verbot, die eigene Sprache in der Schule zu verwenden. „Man nannte es Fortschritt. Es war Russifizierung, wenn wir ehrlich sind.“
Die Großmutter der Krügers stand daneben und sagte nichts. Sie hatte noch andere Wörter im Kopf: Hungerwinter. Man hätte Holodomor sagen können. Im Dorf sagte man: „Sie holten das Korn.“
„1954,“ sagte der Archivar und tippte auf einen Bezirksbeschluss, „wies der Rat den Bootsschuppen dem Hof Krüger zu. Schriftlich. Mit Stempel.“
„1991,“ sagte er später und hielt ein Foto vom Dorfreferendum hoch, „stimmten neun von zehn für den eigenen Hof. Auch die Nachbarstraße. Das ist kein Gerücht.“
„1994,“ er zog ein vergilbtes Blatt heraus, „gab der Hof seine alten Waffen ab. Dafür versprachen die Nachbarn Schutz.“
„Und 1997,“ er lächelte müde, „Pachtvertrag: Berghaus durfte den Kahn am Bootsschuppen lassen. Eigentum blieb Krüger.“
Er legte die Blätter zurück, als wären sie lebendig.
2014 – Der Bruch
Im Winter kamen auf dem Dorfplatz die Jungen mit Bannern. Sie wollten Feste, Messen, Handel mit Westwind. „Nicht mehr unter Berghaus’ Hand,“ sagten sie.
Kurz darauf hing am Bootsschuppen ein neues Schild: Privatgrund – Berghaus. Er hatte Männer ohne Namen geschickt, und keiner fragte, wer sie waren, weil sie alle das Gleiche sagten: „Nur Sicherheit.“
Das Jahr brachte Schüsse, die keiner zugeben wollte. Auf der Fernstraße ging ein Bus zu Boden, den alle nur den Busnannten, so als gäbe es nur diesen einen. Später urteilte das Gericht: verantwortlich ist, wer die Waffe gebracht hat. Namen wurden ausgesprochen, aber der Acker änderte seine Farbe nicht.
Im Dorf hieß es nun offen: Hinterfelder = Donbass. Kein Spitzname mehr, eine Arbeitsanweisung.
Speisezimmer-Diplomatie begann: Zettel „Minsk“ an der Pinnwand im Gemeindesaal, Waffenstillstands-Regeln wie Kochrezepte, alle Zutaten vorhanden, niemand kochte.
2022 – Der Morgen
Der Morgen roch nach Diesel und Metall. Traktoren von Berghaus rollten auf den Hof Krüger. Alles, was Räder hatte, war auf einmal Militarismus.
„Stream an,“ sagte der Sohn. Das Bild wackelte, die nackte Birne im Dachboden flackerte. „Wir sind da,“ sagte er in die Kamera, „wir bleiben.“
„Besonnen bleiben,“ wiederholte Bürgermeister Scholte ins Bürgerhausmikrofon. Er sprach, als könnte ein Ton die Richtung ändern.
Die Männer im Dorf stellten Wasser bereit. Die Frauen banden Tücher, die Hände fest, die Gesichter still. Herr Wang verkaufte Generatoren, Batterien, Funkgeräte. „Neutralität,“ sagte er, „ist meine Religion.“ Er sprach leise und packte rasch.
Die Traktoren wichen zurück. Nicht aus Einsicht. Aus Gegenwehr. Zäune wurden neu gesetzt, Pfosten wie Ziffern.
2023/24 – Der Riss bleibt
Der Hof Krüger holte sich Felder zurück, verlor eine Scheune, gewann einen Graben. Die Hinterfelder leuchteten nachts in falschen Farben. Auf Zetteln stand: Awdijiwka = Vorratsschuppen. Theoretisch war das albern. Praktisch half es, Nachrichten zu verstehen, die in einer anderen Grammatik geschrieben waren.
Im Norden nagelte man den Zaun fester. Hinterwald nannte ihn jetzt so: der Nordzaun (Charkiw). Wenn er wankte, wankte der Schlaf.
Westwind lieferte Maschinen, die mehr konnten, als sie aussahen. „Nur zur Verteidigung,“ stand auf jedem Formular.
Lernen geschah auf Parkplätzen. Männer zeigten anderen Männern, wie man etwas führt, das man erst im Film gesehen hatte. Niemand lachte dabei. Es war eine Art Alphabet.
Wahlkampf
Donald Trampel begann wieder zu reden. „Wenn ich Bürgermeister wäre,“ sagte er ins Handy, „wäre das in vierundzwanzig Stunden vorbei.“
„Wie?“ fragte die Wirtin.
„Ich rede mit Berghaus,“ sagte er. „Und Krüger soll aufhören, zu streamen.“
Der Algorithmus mochte sein Gesicht. Das half ihm und half niemandem.
Scholte blieb beim Mikrofon. „Worte sind Zäune,“ sagte er. „Wir bauen heute Brücken.“ Keiner erklärte ihm, dass Brücken Zäune brauchen, damit niemand hinunterfällt.
Gericht
Der Richterspruch zum Bus kam an einem Mittwochmittag, als die Leute einkaufen waren. Verantwortung stand auf Papier, das trotzdem leicht war. Kommentare im Dorf-Chat klangen wie Regen auf Blech: laut, schnell, ohne Richtung.
„Und jetzt?“ fragte jemand.
„Jetzt weiter,“ sagte jemand anderes.
Man ging zum Nordzaun.
Heute (Sommer 2025)
Am Abend stand man wieder auf dem Platz. Sommerfest, sagten die Zettel, als wäre das ein Medikament. Lichterketten hingen schief; ein Wind hob sie an, ließ sie fallen, als übte er Landungen.
Auf der Leinwand lief ein Video: „Sicherheitsgarantien – so funktioniert’s.“ Pfeile, Kästchen, die Welt in Schaubildern. Daneben klebte ein Plan für die Schulung am Traktor.
Herr Wang hatte einen Stand aufgebaut, Preise in klaren Ziffern. „Morgen neue Lieferung,“ sagte er zu jedem, der nichts fragte.
Herr Krüger ging live. Hinter ihm die Birne, die schon zu viel gesehen hatte. „Wir halten den Zaun,“ sagte er. „Wir brauchen Holz, Schrauben, Ausdauer. Es wird wieder kalt.“
„Besonnen,“ sagte Scholte später am Mikrofon, „wir bleiben besonnen.“ Seine Stimme war glatt und müde, als wüsste sie, was über sie gesagt wurde.
Herr Berghaus stand auf seinem Balkon und sah auf Felder, die ihm Antworten schuldig blieben. Jemand gab ihm eine Liste. Er nickte, als seien Zahlen Nägel.
Am See roch es nach Algen und Lack. Der Bootsschuppen – die Krim – hatte ein neues Schloss, das aussah, als gehöre es schon immer dahin. Regen kam keiner. Das Holz dehnte sich trotzdem, als wüsste es, wie man angespannt bleibt.
Die Sirene heulte kurz, nicht lang genug für Panik, lang genug für Erinnerung.
„Stream an?“ fragte der Sohn.
„Stream an,“ sagte der Vater. Jemand im Chat schrieb: „Wir sind da“, jemand anderes: „Wir sind müde.“ Beide hatten recht.
Ein Hund bellte in Richtung Nordzaun. Aus der Ferne summte etwas, das die Kinder längst benennen konnten, ohne dass jemand es ihnen beigebracht hatte. Das Summen sagte: noch einmal.
Auf dem Ortsschild klebte über allen Zetteln ein neuer, einfacher Streifen: Hinterwald bleibt.
Die Nacht nickte, als verstünde sie den Satz.
Hungerwinter
Die Großmutter erzählte den Hunger so, als würde er von allein wiederkommen, wenn man ihn zu deutlich benannte. „Sie holten das Korn,“ sagte sie, und im Dorf wusste man, dass sie damals Männer von Berghaus’ Hof hießen, mit Listen, Stempeln, Wagen. Man hätte Holodomor sagen können. Im Dorf sagte man: „Der Winter, in dem die Kinder leiser wurden.“
Im Gemeindearchiv lag eine Quittung: „Abtransport gemäß Vorschrift.“ Die Vorschrift kannte niemand. Der Winter kannte alle.
Seitdem roch der Hof Krüger im Oktober anders. Als prüfte das Holz die Vorräte auf Abwesenheit.
Orangen und Platz (2004/2014)
Es gab einmal einen Herbst mit Orangenkisten auf dem Markt. Die jungen Leute trugen bunte Schals und sagten, man könne die Richtung ändern, wenn man nur die Stimmen zählte. Die Alten lächelten wie bei einem Lied von früher, das sie nicht mehr mitsingen konnten.
Später, 2014, kamen sie wieder auf den Platz, diesmal ohne Schals. „Nicht nach Osten, nicht unter Berghaus’ Hand.“Sie nannten es im Dorf einfach der Platz. In anderen Karten stand dafür Maidan.
Kurz danach hing am Bootsschuppen (Krim) das Schild Privatgrund – Berghaus. Seine Männer sagten „Sicherheit“, die Krügers sagten „Diebstahl“. Das Wasser zuckte, als sei es Zeuge.
Der Bus
Der Bus von der Fernstraße fuhr am Dorf vorbei, als wäre er zu leicht, um schwer zu werden. An einem Juli-Nachmittag fiel er vom Himmel, und die Wiese darunter tat so, als wäre sie dafür gemacht.
Man roch Kerosin, Metall und den Satz „Das kann nicht sein“.
Jahre später sagte das Gericht: Verantwortlich ist, wer die Waffe brachte und bediente. Namen wanderten durch das Dorf, stießen an Mauern und fielen in Küchen auf kaltes Linoleum.
Der Himmel blieb derselbe, aber keiner sah ihn mehr so an wie vorher.
Zettel-Diplomatie (Minsk)
An der Pinnwand im Gemeindesaal klebten Zettel, auf denen Kochrezepte standen, aber es waren Regeln für Waffenstillstand.
„Minsk I/II“ hieß das in anderen Orten. Im Dorf sagte man: „Die Zettel.“
Die Zutaten waren da: Rückzug, Austausch, Kontrolle. Der Ofen blieb aus. Die Zettel vergilbten ungleichmäßig und wurden an den Rändern weich wie Brot ohne Kruste.
Der Winter der Leitungen
In einem Winter, der nach Plastik roch, gingen Leitungen aus wie Lampen. Strom sprang, fiel, sprang. Wasser sprach in Sätzen, die bei der Hälfte abbrachen.
Herr Wang verkaufte Generatoren und nannte es „Resilienz“.
Die Krügers nannten es: „Wir schlafen in Schichten, damit einer auf die Flamme sieht.“
Der Verein Westwind schickte Transformatoren, und auf jedem Paket stand Nur zur Verteidigung. Es war ein Satz, der sogar der Kälte gefiel.
Schulung am Traktor
Auf dem Parkplatz hinter der Schule standen Geräte, die man im Dorf Traktoren nannte, obwohl sie Flügel im Namen hatten. Männer aus fernen Höfen flüsterten über Manöver, Erkennung, Reichweite.
Man übte mit Holzlatten, die im Handbuch Simulatoren hießen, und niemand lachte, weil die Latten die richtigen Bewegungen eher zuließen als verziehen.
„Das ist kein Spiel,“ sagte einer.
„Aber es hat Regeln,“ sagte ein anderer.
Die Regeln waren: nicht zuerst, nicht leichtfertig, nicht ohne die Karte im Kopf.
Der Nordzaun (Mai)
Im Mai riss der Wind am Nordzaun (Charkiw) stärker als sonst. Berghaus schickte Männer, die vom Zaun behaupteten, er sei ein Irrtum.
Die Krügers schoben Pfosten nach, als könnte man aus Holz eine Linie in die Sprache schreiben.
„Es ist nur ein Feld,“ sagte jemand müde.
„Es ist eine Stadt in anderen Karten,“ sagte die Protokollführerin und schrieb: Zaun wankt.
Die Kinder lernten, das Summen zu unterscheiden: Lieferdrohne, Kamera, etwas anderes. Das andere machte den Atem kurz.
Der Händler
Herr Wang hatte den Asia Store aufgerüstet. Zwischen Reis und Batterien standen Helme, Thermofolien, Notfunk.
„Neutralität ist meine Religion,“ sagte er und lächelte, als striche er einem unsichtbaren Hund über den Kopf.
Er lieferte auf den Hof Krüger und an Berghaus’ Mauer. Die Quittungen sahen gleich aus. Die Wege nicht.
Wahljahr
Donald Trampel stellte sich mitten auf den Platz, drehte sich zur Kamera und sagte: „Wenn ich Bürgermeister wäre, wäre das in vierundzwanzig Stunden vorbei.“
„Wie?“ fragte die Wirtin.
„Ich rede mit allen,“ sagte er. „Ich kann mit allen reden, das ist mein Talent.“
Die Sätze klickten gut, aber sie hielten keinen Zaun.
Bürgermeister Scholte antwortete in den Saal hinein: „Wir bleiben besonnen.“ Das Wort bekam einen eigenen Staubfilm.
Urteil (Juli)
Der Richterspruch zum Bus kam an einem heißen Tag, an dem der Asphalt eine zweite Sprache sprach. Verantwortlich, stand da, in einer Dichte, die die Luft erschwerte.
„Endlich,“ sagte jemand.
„Und jetzt?“ sagte jemand anderes.
„Jetzt schrauben wir den Zaun fest,“ sagte der Sohn der Krügers, und niemand widersprach, weil es zu spät war, um Symbolik neu zu lernen.
Die Hinterfelder (Donbass)
Die Hinterfelder trugen Namen, die wie Zähne klangen. Ein Ort nach dem anderen wanderte durch den Mund des Dorfes: mal als Verlust, mal als Rückholung, mal als Frage.
Einmal kam ein Mann aus der Ferne, der seine Hände hielt, als wären sie kaputt. „Dort,“ sagte er, „kann man seine Gedanken nicht laut lassen.“
Die Großmutter nickte. „Ich kenne das,“ sagte sie. „Man nennt es überleben, obwohl es nur atmen ist.“
Verein Westwind
Sitzung auf Sitzung. Sicherheitsgarantien, Mechanismen, Verbindlichkeit.
„Wir wollen nicht, dass der Zaun bricht,“ sagte die Vorsitzende.
„Der Zaun ist schon gebrochen,“ sagte der Archivar. „Wir tun nur so, als wäre Holz Gedächtnis.“
Trotzdem kamen Kisten, Kurse, Karten.
Trotzdem blieb die Frage, die niemand mochte: Wie lange?
Der Abend am See
Am Bootsschuppen (Krim) hing ein neues Schloss, das so tat, als gehöre es schon immer dahin. Auf dem Wasser lag ein schmaler Film aus Licht. Ein Junge warf kleine Steine, die Ringe wurden größer, als wollten sie demonstrieren.
„Warum nennen wir das so?“ fragte er die Schwester.
„Damit alle wissen, wovon wir sprechen,“ sagte sie. „Sonst sagt einer ‚Schuppen‘ und ein anderer ‚Landbrücke‘, und am Ende schleppen sie wieder Schilder heran.“
Das Wasser antwortete nicht. Es war da und blieb.
Das Gespräch, das es nicht gibt
Es gab Abende, da saßen Leute an Tischen, die so lang waren, dass man die Enden nicht sah. Sie redeten über Pausen, Korridore, Überwachung.
Im Dorf nannte man solche Abende das Gespräch, das es nicht gibt.
Am nächsten Morgen lagen neue Zettel im Gemeindehaus: Vorschlag A, Variante B.
„Wir brauchen C,“ sagte die Mutter der Krügers. „C wie: kommt an und bleibt.“
Die Zettel sahen sie nicht an.
Heute Nacht
Der Sommer tat so, als sei er zuverlässig. Am Himmel hing eine klare Kante.
Im Hof der Krügers brannte die nackte Birne. „Stream an?“ fragte der Sohn.
„Stream an,“ sagte der Vater. „Nur kurz.“
Sie sagten, was man sagt, wenn es nichts Neues gibt und alles neu ist: Wir sind da. Der Zaun steht. Wir brauchen Holz. Es wird wieder kalt.
Im Chat schrieb jemand: Wir auch.
Jemand anderes: Wir sind müde.
Beides stimmte.
Am Rand der Felder stand Herr Berghaus auf seinem Balkon, blickte auf Linien, die er Zahlen nannte. Neben ihm ein Mann mit einem Blatt, das glänzte. Er nickte, als wären Ziffern Zäune, die man von innen verstärken kann.
Der Nordzaun machte ein Geräusch, das nur Hunde hören sollten. Der Hund bellte. Es klang wie eine Frage.
Auf dem Platz summte die Leinwand für das Sommerkino, obwohl niemand den Film eingelegt hatte. Der Algorithmus zeigte Werbeclips für Sicherheitsgarantien. Pfeile bewegten sich von links nach rechts.
„Besonnen,“ sagte der Bürgermeister im Schatten. „Wir bleiben besonnen.“ Sein Echo legte sich müde ins Gras.
Am Ortsschild klebte über den Layern ein frischer Streifen: Hinterwald bleibt.
Die Nacht nickte, aber diesmal war das Nicken keine Zustimmung und auch keine Müdigkeit. Es war das Geräusch einer Tür, die angelehnt bleibt.
Am Ortsschild klebte über allen alten Schichten ein neuer Streifen: Hinterwald bleibt.
Niemand wusste, ob d
