Ich sitze im Café und bestelle mir Kaffee. Schwarz. Einfach.
Die anderen bestellen Dinge, die klingen wie Trendwörter, nicht wie Getränke.
Was war das nochmal – Iced Matcha Latte? Shirin hatte das letzten Sommer ständig, als wär’s ein Ticket zu einem besseren Leben.
Ich trinke schwarz. Nicht, weil ich alt bin. Sondern weil es mir schmeckt.
Es ist einfach: mag ich, mag ich nicht. Kein Filter, keine Erklärung.
Um mich herum reden sie laut, lachen, fotografieren ihre Gläser.
Ich sehe Menschen, die eigentlich alles haben könnten – und trotzdem nichts spüren.
Sie reden, als hätten sie Gefühle im Abo. Sie posten, als wäre ihr Wert in Herzchen messbar.
Und ich denke: Wo sind die, die einfach nur… da sind?
Früher hätte man gesagt: „normal“.
Ein Job, den man liebt, nicht nur macht, um die Miete zu zahlen.
Eine Familie, die man nicht benutzt, sondern liebt, weil sie genau so ist.
Ein Partner, der alles zugleich ist: bester Freund, große Liebe, und jemand, mit dem man auch mal wortlos nebeneinander sitzen kann.
Und der trotzdem Lust ist – roh, wild, körperlich.
Weil Nähe ohne Verlangen nur halbe Nähe ist.
Ich sehe mich um, aber das, was ich suche, sehe ich nicht.
Ich sehe Szenen. Rollen. Filter.
Menschen, die alles fürs „Egal“ tun.
Die nicht reden können, nicht mal wissen, wie das geht.
Die nicht fühlen, sondern löschen.
Als wäre alles nur noch Betäubung: Arbeit ohne Sinn, Nächte ohne Erinnerung, Nähe ohne Berührung.
Und dann dieses Mantra, das über allem liegt:
Alt ist tot.
Wenig Likes ist tot.
Zu langsam ist tot.
Aber sind sie nicht schon längst tot?
Ich will nichts davon.
Ich will nur etwas, das echt ist, ohne es erklären zu müssen.
Und manchmal frage ich mich:
Muss man heute eine KI haben, die einem vorspielt, wie sich Nähe anfühlt, um glücklich zu sein?
Oder gibt es sie noch – die, die einfach da sind, ohne alles zu inszenieren?
DIE SEHNSUCHT
Manchmal stell ich mir mein Leben vor, so wie ich’s will.
Morgens aufzuwachen, mit jemandem, der da sein will.
Kein Pflichtgefühl, kein „läuft nebenbei“, sondern dieser Blick, der sagt: Hier ist mein Platz.
Zusammen frühstücken, auch wenn’s nur Kaffee ist.
Zur Arbeit gehen, weil man sie mag.
Weil sie Sinn macht. Weil sie trägt.
Nicht, um durchzuhalten bis zum nächsten Wochenende.
Ich seh mich selbst in einem Job, den ich liebe, statt nur mache.
Ich arbeite als Markenarchitekt.
Es ist das, was ich kann: Ideen bauen, Strukturen finden, Geschichten sichtbar machen.
Ich seh ein Zuhause, das mir gefällt: schwarz-weiß, minimalistisch, klar.
Mit Kakteen.
Und dazwischen ein Regal, das noch von meiner Oma ist – ein Bruch, ein Stück Geschichte, das mich erdet.
Und ich seh einen Partner.
Nicht irgendeinen.
Den Menschen, der alles zugleich ist: Freund und Liebe, Ruhe und Feuer.
Der mich zum Lachen bringt, wenn ich mich zu ernst nehme.
Der mich fordert, wenn ich zu bequem werde.
Und der nachts auf meinem Körper Spuren hinterlässt.
So stell ich’s mir vor.
Kein Märchen. Kein Filter.
Einfach nur das, was trägt.
Und dann öffne ich die Augen.
Seh das Café. Die Matcha-Gläser.
Die Leute, die alles schneller wollen, nur nicht Nähe.
Und frag mich, ob meine Sehnsucht heute überhaupt noch existieren darf –
oder ob sie altmodisch klingt.
DER ZWEIFEL
Dann frage ich mich, ob ich einfach falsch bin.
Nicht in dem großen Sinn – nicht falsch geboren, nicht falsch orientiert.
Sondern falsch in dieser Zeit.
Alle reden von Freiheit, Offenheit, tausend Möglichkeiten.
Und ich sitze da und will etwas, das nach Verbindlichkeit riecht.
Ich will das Eine, während alle vom Vielen schwärmen.
Ich will ein Zuhause, während alle „Unterwegs“ feiern.
Ich will Treue, während sie sagen: „Offen ist ehrlicher.“
Und dann denk ich: Vielleicht bin ich der, der es nicht kapiert.
Vielleicht ist mein Wunsch nach Beständigkeit nur Nostalgie.
Vielleicht bin ich wirklich altmodisch.
Vielleicht bin ich der Einzige, der noch glaubt, dass Nähe mehr ist als Optionen.
Es gibt Tage, da seh ich mich im Spiegel und erkenne mich nicht.
Sondern weil ich nicht weiß, ob ich noch der bin, der ich sein wollte.
Aber das stimmt nicht — ich bin immer der, der ich sein will.
Das ist keine Trotzreaktion; eher eine kleine, stille Bestätigung.
Ich habe mir diesen Wunsch nicht aus einer Leere gebaut. Er gehört zu mir.
Und das ist genug, um weiterzugehen.
Und dann diese Frage, die nicht weggeht:
Bin ich falsch, weil ich will, was die meisten längst abgeschrieben haben?
Oder sind sie alle schon zu müde, um sich noch daran zu erinnern, wie echt sich echtes Leben anfühlt?
DIE BEGEGNUNG
Es war nichts Besonderes.
Ein Moment, der wahrscheinlich niemandem aufgefallen wäre.
Nur mir.
Ich saß wieder im Café, derselbe Platz wie immer, schwarzer Kaffee.
Die Luft war voll von Stimmen, Bestellungen, Milchaufschäumen.
Dann kam er rein. Einfach da.
Er stellte sich an die Theke, bestellte leise.
Kein kompliziertes Getränk, kein Instagram-Bild im Kopf.
Nur: „Kaffee, schwarz.“
Ich hörte es deutlich, als wäre es nur für mich gesagt.
Für einen Sekundenbruchteil dachte ich: Vielleicht.
Aber ich ließ den Gedanken nicht zu.
Ich spürte, wie er in mir aufflammte – und wie ich ihn sofort wieder auslöschte.
Weil Hoffnung gefährlich ist, wenn man sie zu lange hält.
Weil der Glaube an „vielleicht“ schon zu oft in mir zerbrochen ist.
Ich stand auf, ließ den Kaffee halbvoll auf dem Tisch zurück und ging.
Kein Blick zurück.
Nur Schritte raus in die Straße, hinein ins Rauschen der Stadt.
Und während die Tür hinter mir zufiel, wusste ich:
Ich habe den Glauben verloren.
