GEH – CANCELLED

GEH – CANCELLED

Es war nur Stille in meiner Wohnung.
Zu viel Küche, zu wenig Gespräche. Der Kühlschrank brummte wie ein Bully.
Ich machte TikTok auf, weil das Geräusch der nächsten Stimme leichter zu ertragen war als die Eigene.

Woche 1.
Im Feed tauchten Gaza-Videos auf, dazwischen Clips über Messerangriffe in Deutschland, Bilder von überfüllten Zügen, ein Arzt, der über Long Covid redete, ein Aktivist, der von „gelenkten Medien“ sprach. Ich sah, scrollte, speicherte. Wenn jemand sagte „Teilt, bevor sie’s löschen“, merkte ich, wie mein Daumen zuckte, noch bevor ich dachte.
Ich war nur Zuschauer. Die halten die Welt zusammen, sagte ich mir. Das war die Lüge, mit der ich schlafen ging.

Woche 3.
Ein Mädchen filmte vor einer Klinik: „Hier werden nachts Waffen verladen.“ Sie flüsterte, als müsste die Wahrheit leiser sein als der Wind.
Ich schickte den Clip an eine Freundin. Sie antwortete nicht.
Jemand in den Kommentaren schrieb: „EXIF-Daten checken.“ Ich googelte, lernte Wörter wie „Reverse Image Search“, „Metadaten“, „Geolokalisierung“. Ich tat nichts davon. Ich klickte „Teilen“.
Zum ersten Mal schrieb mir jemand Fremdes: „Danke. Ohne dich hätte ich das nicht gesehen.“
Das war der Moment, in dem die Stille in meiner Wohnung einen Ton bekam.

Monat 2.
Ich machte meinen ersten Stitch. Fünfzehn Sekunden: erst der Originalclip, dann ich, Stimme ruhig, Blick knapp unter die Kamera, so wie die anderen es machten. „Stellt euch vor, das stimmt.“ Ich ließ es im Raum stehen, als wäre Vorsicht ein Qualitätssiegel.
Zehntausend Aufrufe. Zwei Lives-Einladungen.
Im Live sprachen wir zu dritt. Einer aus Köln, eine aus Wien, ich. Hashtags: #aufwachen, #fragtwarum. Jemand blätterte PDFs in die Kamera, mit Stempeln, die aussahen wie Beweise. Jemand sagte „MSM“. Jemand „Zensur“. Wir nickten.
In der Nacht vibrierte mein Handy weiter. Ich liebe diese Musik.

Monat 3.
Ich trat Telegram-Gruppen bei. „Research Hub“, „OSINT Laien“, „Keiner sagt die Wahrheit“. Da lernte ich, wie man Clips „sichert“, Links spiegelt, Thumbnails vergleicht.
Wir schickten uns Karten, Pfeile, Quellen, die sich gegenseitig zitierten.
Jemand bastelte aus meinen Sätzen Zitatkacheln. Es fühlte sich an, als werde ich gehört. 

Ich begann, die Wohnung aufzuräumen, während Lives im Hintergrund liefen. Ich hatte plötzlich „Freunde“. Wenn ich spät abends den Chat öffnete, schrieb immer jemand „da?“. Und ich war da. Immer.

Monat 4.
Erste Fact-Check-Labels unter meinen Videos: „Zusätzliche Infos verfügbar.“
Ich klickte nicht.
Stattdessen filmte ich einen Clip: „Ich werde markiert. Warum wohl?“
Hunderttausend Aufrufe.
In den Kommentaren schrieben sie „Shadowban“, „die haben Angst“. Es war wie Applaus.

Ein Journalist aus einer Lokalredaktion schrieb mir sachlich: „Darf ich Sie anrufen? Es geht um einen Clip von Ihnen. Da ist eine Falschzuordnung drin.“
Ich tippte „gern“, legte das Handy weg, rief nie zurück.
Im nächsten Video sagte ich: „Man versucht, mich zu widerlegen.“
Das war nicht gelogen. Es war nur nicht die Wahrheit, die er meinte.

Monat 5.
Ich wurde eingeladen, auf einem Space zu sprechen. X, nicht TikTok. „Bürgerfragen zur Innenpolitik.“ Es klang größer, als es war.
Mein Puls hämmerte, als ich sprach. Ich hörte mich sagen: „Ich will nur, dass wir offen bleiben.“
Am nächsten Morgen hatte ich viertausend neue Follower.
Ich schrieb einer der Stammhörerinnen: „Danke, dass du da warst.“
Sie schickte eine Sprachnachricht zurück. Darin war ein Zimmer zu hören, in dem jemand atmete, der sonst niemanden hatte.

Monat 6.
Dann kam das Video, das alles änderte.
Ein zusammengeschnittener Beleg: Ich hätte Bilder eines Protestes aus 2020 als „heute“ verkauft. Hatte ich. Nicht absichtlich, sagte ich mir, aber auch nicht geprüft.
Der Fact-Checker lief Schritt für Schritt durch: Datum im Plakat, Schattenlänge, Wetterarchiv. Sauber.
Darunter Clips von mir, im Zeitraffer.
„Sie lügt“, stand in großen Lettern.
Ich filmte eine Gegendarstellung. „Ich habe mich geirrt“, sagte ich. „Aber schaut, wer mich kritisiert.“
Was ich meinte: Schaut nicht auf mich. Schaut auf sie.
Das Video ging viral.

Die Angriffe begannen unauffällig.
„Schäm dich.“
„Geh arbeiten.“
„Zeit, Profile zu melden.“
Dann kamen Namen, Adressenfragmente, Fotos vor meiner Haustür, die irgendwo von irgendwo stammten.
Ich löschte Kommentare, blockierte.
Eine Nummer rief nachts an und sagte nichts.
Die Stille am anderen Ende war lauter als alles vorher.

Monat 7.
Ich nahm eine Pause, schrieb „bin raus fürs Erste“.
Telegram blinkte weiter. „Bleib stark“, schrieben die einen. „Falsche Patriotin“, die anderen.
Ich ging spazieren, ohne Kopfhörer, und merkte, dass die Stadt auch Geräusche hat.
Zwei Tage hielt ich durch, dann war ich wieder live.
„Ich lass mir den Mund nicht verbieten“, sagte ich. Es war nicht Mut. Es war Gewohnheit.

Monat 8.
Meine Videos bekamen kaum noch Reichweite.
„Shadowban“, schrien wir uns gegenseitig zu, aber vielleicht war es etwas anderes: Müdigkeit, Misstrauen, Abnutzung.
Die Stammhörerin schrieb weniger.
Ich las ihre alten Nachrichten, so wie man an leeren Tassen riecht.
Ab und zu postete ich einen Beleg, echt überprüft: Link zur Originalquelle, Datum, Archiv.
Das lief schlechter. Wahrheit ist schlechtere Dramaturgie.

Monat 9.
Jemand setzte mich auf eine Liste: „Verbreiterin von Desinformation“.
Darunter meine Clips, daneben Korrekturen.
Unter die Korrekturen setzte ich Herzen. Es war das Einzige, was mir einfiel.
Im selben Monat bekam ich eine Mail von einer Redaktion: „Wollen Sie in einem Stück über Irrtümer erzählen?“
Ich schrieb: „Vielleicht später.“

Monat 10.
Der nächste Sturm. Ein Gerücht über Flüchtlingsunterkünfte, ein gefälschtes Schreiben, das aussah, als hätte es ein Amt verfasst.
Ich postete es mit einem Satz, der die Verantwortung verschob: „Wenn das stimmt, dann…“
Es stimmte nicht.
Diesmal ging es schneller.
Mein Name in Threads, mein Gesicht in Reaktionsvideos, meine Stimme moduliert, verlangsamt, lächerlich gemacht.
„Du bist gefährlich“, schrieb einer.
„Du warst nie eine von uns“, schrieb eine andere.
Ich hätte gern gewusst, wer „uns“ ist.

Monat 11.
Mein Account wurde gesperrt. „Wiederholte Verstöße.“
Ich legte Einspruch ein, sachlich, mit Beispielen für Korrekturen.
Automatische Antwort.
Ich machte einen Zweitaccount auf.
Hundert Follower in zwei Tagen, dann Meldungen, dann zu.
Es war, als hätte der Raum, in dem ich atmete, plötzlich einen Deckel.

Monat 12.
Ich schaute die Welt wieder ohne Filter. Nachrichten, die den Ton der Sprecher mitlieferten, in dem ich sie früher abgelehnt hätte.
Ich schrieb „Es tut mir leid“ in einen Entwurf und löschte es.
Reue ist auch eine Pose, wenn man sie filmt.
Abends öffnete ich alte Chats. Die Stammhörerin hatte mir vor Monaten geschrieben: „Mir geht’s nicht gut. Aber wenn du live bist, wird’s leiser.“
Ich antwortete zu spät. Oder gar nicht.
Das ist das Einzige, wofür ich mir keine Ausrede baue.

Heute.
Ich weiß, wie man allein ist und plötzlich Teil „von etwas“ wird.
Es beginnt nicht mit einer Überzeugung. Es beginnt mit einer Antwort.
Jemand sagt „danke“, weil du teilst.
Jemand fragt „da?“, wenn du online kommst.
Jemand schreibt „wir“, und zum ersten Mal seit Wochen fühlst du dich nicht wie Möbel.
Dann gewöhnst du dich an das Wir. Dann verteidigst du es. Dann wirst du es.
Und wenn es kippt, stehst du da mit denselben Händen, nur ohne den Chat.

Manchmal starte ich die Kamera, lasse sie laufen, sage nichts.
Ich sehe mich an und zähle: Quellen, Gegenbelege, Datum, Ort.
Ich lege Clips nebeneinander, schiebe die Zeitstempel übereinander, prüfe Schatten, suche die Originale.
Es ist mühsam und still.
Keiner klatscht.

Manchmal höre ich die Lives der anderen, ohne mich einzuklinken.
Sie sagen „wir“, und ich weiß, wie gut das Wort schmeckt.
Ich schreibe „Quelle?“ und schicke es nicht ab.
Ich speichere den Clip und teile ihn nicht.
Ich denke an das Mädchen vor der Klinik. Vielleicht war es nie da.
Vielleicht war ich nie da.
Vielleicht war nur diese Lücke da, in die eine Stimme passt.Wenn du mich fragst, was ich gelernt habe:
Nicht, was wahr ist. Das ändert sich nicht so oft, wie wir glauben.
Ich habe gelernt, wie billig Zugehörigkeit ist, wenn man einsam zahlt.
Und wie teuer es wird, wenn man sie zurückgeben will.