ICH BIN KEIN WIR

ICH BIN KEIN WIR

BAHN

07:41 Uhr, Berlin Ostkreuz.
S-Bahn, volle Garnitur. Tür piept, Zug zieht an. Luft nach nassem Stoff und zu süßem Coffee-to-go.
Ein Typ zwei Plätze gegenüber hält das Handy quer. Lautsprecher an.
Prank-Video, Autotune, Gelächter wie aus einer Blechdose.
Er trägt eine enge Lederjacke, sauberer Saum, frische Falten, rasierten Nacken, Welle vorn. AirPods in der Hand – nicht im Ohr.

Links von mir eine Frau mit Kinderwagen, rechts ein Bürohemd, das noch nach Bügelwasser riecht.
Niemand sagt etwas. Alle schauen aneinander vorbei.
Die Lautstärke füllt den Wagen, bis man den eigenen Puls im Ohr nicht mehr hört.

Ich sehe ihn an.
„Können Sie bitte Kopfhörer benutzen?“
Er schaut hoch, einmal kurz orientierungslos, dann nickt er.
„Oh. Sorry. Hab ich gar nicht gemerkt.“
Er tippt, der Ton fällt ab, der Bass kippt auf halblaut.
Kein Streit. Kein Theater. Erledigt.

Aber dann kommt die zweite Welle: Köpfe, die sich drehen.
Ein Nicken über dem Kinderwagen, ein „Danke“ im Flüsterton hinter mir, ein Lächeln vom Bürohemd, das so aussieht, als hätte es jetzt einen Helden gekauft.
Die kleine Choreografie des öffentlichen Anstands.
Eben noch stumm, jetzt bereit, mich in ihr „Endlich hat’s mal einer gesagt“-Wir zu falten.

Ich blicke nach vorn, raus ins Fenster.
Graffiti an der Stützmauer, gelbe Reklame, ein Lieferwagen im Regen.
Durchsage: „Nächster Halt…“ – der Rest geht im Rumpeln unter.


Ich habe etwas gesagt, weil es mich gestört hat.
Nicht, um jemandes Rückgrat zu sein.

Der Typ mit der Lederjacke steckt sich jetzt doch die AirPods ins Ohr.

Die Lautlosigkeit ist nicht ganz still: Reifen auf Gleis, das leise Quietschen beim Bremsen, das Klacken der Tasche am Metallgriff.
Normalgeräusch. Reicht.


Ich höre, wie hinter mir einer nochmal sagt: „So geht’s doch auch.“
Gemeint ist: Wir. Gemeint ist immer: Wir.

Ich bin kein Wir.
Nicht hier, nicht dafür.
Wenn etwas zu laut ist, sage ich es. Punkt.
Dafür braucht es kein Kollektiv, keine Absolution, keinen Applaus.
Nur ein Ich, das wach genug ist, den Mund aufzumachen.

Tür auf. Zug hält.
Ich steige aus.

GYM

10:32 Uhr, Hamburg.
Neonlicht, Spiegelwand, Musik zu laut.
Bass hämmert gegen die Betonwand, alles riecht nach Duschgel, Desinfektion und Proteinpulver.
Zwischen den Geräten fünf Jungs.
Leggings, Tanktops, übergezogene Caps.
Das Handy auf Brusthöhe, Kamera läuft.

„Digga, geisteskrank trainiert!“
„Maschine, Bruder!“
Einer hebt, einer filmt, drei schauen sich selbst im Spiegel zu.
Der Soundtrack: Keuchen, Pump, Kommentar.

Ich mach meine Schultern warm, spür das Gewicht in der Hand.
Links von mir zieht einer das Shirt hoch, Bauch, Adern, Filterlicht.
„Bro, warte, ich film kurz.“
Er dreht sich leicht, Blick über die Schulter, dieselbe Pose, die ich gestern schon bei fünf anderen gesehen hab.
Es ist alles eine Wiederholung.
Gleiches Bild, gleiche Stimme, gleiches Wort.

Ich denk mir: Früher waren Leggings für Frauen nicht mal okay.
Jetzt tragen sie alle, eng, glänzend, mit Spruch am Bund.
No Pain No Gain.
Fearless.
Only Growth.
Wie kleine Mantras, die aussehen wie Selbstbewusstsein und klingen wie Selbsthypnose.

#fitfluencer
#pump
#lifestyle

Einer schreit, als das Gewicht fällt.
Keiner lacht. Keiner fragt.
Nur Nicken, High-Five, Story posten.
Sie leben in Endlosschleife.
Alles Wir. Keine Erinnerung.

Ich drück mein Gewicht, zähl selbst.
Zehn, elf, zwölf.
Ich atme durch.

Einer ruft rüber:
„Digga, was machst du Brust?“
Ich sag: „Für mich.“
Er versteht’s nicht.
Wenn’s hängt, hängt’s an mir.
Kein Wir hebt die Stange.

Ich trink mein Wasser, pack die Flasche weg, seh sie alle filmen, lachen, posten.


Und denk mir:
Das hier ist kein Training.
Das ist Fernsehen mit Gewichten.

REALITY

13:57 Uhr, München Zentrum.
Plakatwand über der Mall.
Love Island. Sommerhaus der Stars. Big Brother. Celebrity irgendwas.
Immer dieselben Gesichter, dieselben Lippen, dieselben Zähne.
Lächeln wie Fabrikware.
Darunter der Slogan:
„Bleib echt.“

Ich bleib stehen.
Das Gesicht auf dem Plakat schaut mich an, als wüsste es, dass ich’s nicht glaube.
Kiefer zu hart, Wimpern zu dicht, Haut zu glatt, Lächeln zu leer.
Die Sonne knallt auf die Folie, die Buchstaben glänzen.
„Echt“ ist nur das Schwitzen.

Drunter, auf den Straßen, dieselben Versionen in Bewegung.
Männer mit Fake-Tan und weißen Sneakern.
Frauen in Kleidern, die aussehen wie Requisiten.
Alle mit Handys vor der Brust.
Sie filmen sich beim Reden, beim Gehen, beim Atmen.
Alles ist Content.
Alles ist ein Trailer.

Ich höre sie reden:
„Wir wurden ja auch schon mal angefragt.“
„Wir haben so viel Feedback bekommen.“
„Wir lieben diese Community.“
Dieses Wir ist ihre Eintrittskarte.
Sie brauchen es, um zu existieren.

Sie sind berühmt, weil andere glauben, sie wären wie sie.
Und weil sie das glauben, werden sie’s.
Ein Kreislauf aus Spiegeln.
Ein endloser Loop aus wir posten, wir fühlen, wir leben.

Ich seh sie an der Ampel, zu fünft, jeder in sich verliebt.
Eine hebt das Handy, schreit in die Kamera:
„Wir sind wieder da!“

WO denn ? 

Sie stehen da, in ihren glänzenden Kleidern, dieselbe Frisur, dieselbe Pose, dieselbe Sprechblase.
Reality-Stars.
Berühmt für die Einfachheit auf jeder Ebene.
Berühmt, weil die Masse sich selbst sehen will.
Ein kollektives Wir in Polyester.
Gut, dass ich raus bin.

#wirmüssendraussenbleiben

FRANKFURT

18:26 Uhr, Frankfurt.
Mainufer. Diese Ecke, wo sie meinen, sie sind in Paris,
es riecht nach Apfelwein und Haarspray.

Eine Bar mit Namen auf Englisch,
innen Licht in Beige und Gold.

Zwei Paare in der Mitte, auf halbem Weg zwischen Influencer und Steuerberater.
Die Frauen: blondiert, geglättet, Lippen auf Spannung.
Michael Kors am Handgelenk, Louis Vuitton, die man sich leisten kann,
aber nicht tragen sollte.
Dazu dieses Lächeln, das gelernt wurde,
damit’s auf Fotos gleich aussieht.

Die Männer: Polo, Kragen hoch, Rolex aufgezogen,
Chino und Mokassins —
diese Sorte, die bei niemandem gut aussieht.
Sie reden über Rendite, Weinpreise, Flüge nach „Malle Deluxe“.

Drinnen läuft Musik, die nach Hotel klingt.
Der Kellner bringt Brot, Weißwein, Wasser in Designerflaschen.
Eiswürfel klirren, Lachen schneidet durch die Luft,
der Sound teurer Gewöhnlichkeit.

„Wir lieben Monaco“, sagt sie.
„Wir gehen immer zum Yoga, dienstags, das mit dem Lavendelduft.“
„Wir haben schon für Ibiza gebucht.“
Das Wir tropft aus jedem Satz.
Zucker, der alles überzieht, damit’s nicht bitter schmeckt.

Ich steh draußen, rauche.
Die Männer treten raus,
reden laut, wie Männer reden, wenn sie glauben, jemand hört zu.
„Ich hab den Wagen abgeholt.“
„Ich hab gestern noch unterschrieben.“
Sie stoßen an, schweigen, scrollen.

Kein Wir, nur Ich.
Zwei Monologe in Lackschuhen.

Ich seh sie an und denk mir:
Die wollen große Welt sein und bleiben doch in Hessen.
Es pumpt – in den Adern, in der Stimme, in der Brusttasche –
aber nicht vor Leben,
vor Leere.

Weil bei Wir immer einer Ich bleibt
und der andere das Ich des anderen wird.

AUF DEM WEG INS HOTEL

23:48 Uhr, irgendwo zwischen Parkplatz und Lobby.
Parfum, Rauch, das Summen der Stadt,
dieses vibrierende Nichts nach zu vielen Wir´s.
Zwei gehen vor mir, sie reden laut,
so laut, dass man’s hören soll.

Also die AW hatte schon recht damals,“ sagt sie.
„Sagt Dennis auch. Weil die ist ja nicht lesbisch, die lebt nur mit einer Frau zusammen.“

Ich bleib stehen.
What the fuck, Alte.
Wie kannst du Scheiß zur Wahrheit machen, nur weil du’s im Plural sagst.
„Wir denken das alle so“,
„Wir wissen das ja“,
„Wir sagen nur, was sich keiner traut.“

Das ist der Trick.
Wenn genug Leute wir sagen, wird die Lüge plötzlich demokratisch.
Dann ist Unwissen Meinung und Meinung schon Wahrheit.
Dann kippt Anstand in Zustimmung.
Dann wird Dummheit zu Haltung.

Ich geh weiter, Schritt für Schritt, hör ihre Stimmen noch durch die Nacht schneiden.
„Man muss ja auch mal ehrlich sein“, sagt sie, und ich denk mir: Ehrlich? Du warst noch nie ehrlich du warst immer dumm, naiv, faul. Such Dir was aus.

Ja, ihr seid viele. Ja, ihr habt Recht untereinander. Aber ihr habt keins.

Ich bin kein Wir.
Ich bin ich.

Manchmal bin ich gern Wir —
wenn ich mit Freunden am Tisch sitze,
wenn Arbeit ein Team braucht,
wenn Nähe passiert.

Aber selbst dann bleib ich Ich.
Weil wenn das Ich verschwindet, bleibt nur Schwarm.
Und Schwarm ist kein Bewusstsein.
Schwarm ist Bewegung ohne Ziel.

Ich geh in mein Zimmer, zieh die Jacke aus, seh mein Spiegelbild im dunklen Fenster.
Ich, ein Punkt in dieser Stadt.

Ich bin kein Wir.

Ich 

01:12 Uhr, Hotelzimmer.
Fenster halb offen, Geräusche von draußen:
Motoren, Stimmen, Sirenen, Leben im Dauerlauf.
Im Fernseher läuft eine Talkshow ohne Ton.
Lippen bewegen sich synchron, alle nicken, alle wissen Bescheid.
Ich dreh den Ton kurz auf.

„Wir müssen jetzt geschlossen dagegenhalten“,
sagt einer.
„Wir lassen uns nicht spalten“, sagt eine.
„Wir stehen zusammen.“
Ich mach wieder aus.

Dieses „wir“ liegt wie Staub über allem.
In der Politik, auf der Straße, in den Köpfen.
Ein Kollektiv aus Angst, Meinung, Wiederholung.
Alle glauben, sie seien Teil von etwas Größerem, dabei sind sie nur Kulisse.

Ich denk an den Typen aus der Bahn,
an die Jungs im Gym,
an die Gesichter auf den Plakaten,
an die Paare in Frankfurt,
an die Frau auf dem Weg ins Hotel.

Jede von ihnen trägt das Wir wie Parfum — sprüht es auf, damit’s echt wirkt.
Aber wenn der Geruch verfliegt, bleibt nichts.

Vielleicht ist das ganze Problem, dass keiner mehr allein aushält, wer er ist.
Und dass man deshalb so gern „wir“ sagt, weil’s leichter klingt als „ich“.

Aber Wahrheit ist kein Gruppenprojekt.
Sie braucht Reibung.
Sie braucht Zweifel.

Und sie braucht Einzelne, die nicht einknicken, wenn die Menge klatscht.

Ich bin kein Wir.
Ich bin ich.
Und das ist genug.