Warum Verbote Begehren verstärken – und warum Politik wieder Angebote liefern muss
Späti, Dienstagabend. Neonlicht auf nassem Asphalt. Drinnen riecht es nach Papier, Zucker und warmer Luft aus dem Kühlschrank. Zwei Menschen stehen am Tresen, beide mit dem Blick auf dieselbe Schlagzeile, beide mit völlig unterschiedlichen Körperhaltungen.
„Also“, sagt Lea und tippt mit dem Daumen auf ihr Display, „jetzt endlich. AfD-Verbot. Schluss mit dem Spuk.“
Murat hebt eine Augenbraue. Er hat eine Cola in der Hand, dreht sie langsam, als wäre die Drehung Teil eines Gedankens. „Du willst ein Verbot, und du glaubst, damit verschwindet das Bedürfnis dahinter.“
Lea zieht die Stirn zusammen. „Bedürfnis. Als wäre das eine Geschmacksrichtung.“
„Ist es auch“, sagt Murat. „Nur eben eine, die nach Wut schmeckt. Nach Kränkung. Nach dem Gefühl, im eigenen Leben Zuschauer zu sein.“
Der Kassierer räumt Kaugummis nach. Ein älterer Mann sucht Münzen aus einer Schale. Alltag macht Geräusche, während Politik versucht, ein Drama zu werden.
Lea scrollt. Ein Statement, noch eins, noch eins. Worte, die sauber klingen, während die Wirklichkeit unordentlich bleibt. „Weißt du, was mich daran wirklich wütend macht?“, sagt sie. „Dass die da oben seit Jahren wirken, als hätten sie den Takt verpasst. Alles klingt nach Routine. Nach ‘haben wir immer gemacht’. Nach Gremien, nach Runden, nach Sätzen, die sich gegenseitig absichern. Und am Ende bleibt für die Leute unten das Gefühl: Hier sagt keiner klar Ja. Keiner sagt klar Nein. Alle zeigen auf die anderen.“
Murat nickt, als wäre dieser Teil das eigentliche Thema. „Das ist der Moment, in dem das Land innerlich wegkippt. Wenn Führung als Verwaltung erscheint, wird Verwaltung zum Vakuum. Und dieses Vakuum füllt sich. Immer.“
Lea: „Du redest, als wäre das alles ein Missverständnis. Als müsste man die Leute nur richtig abholen.“
Murat stellt die Cola ab. „Ich rede davon, wie Verbote im Kopf funktionieren. Ein Verbot wirkt wie ein rotes Tuch. Es macht aus einem Objekt einen Mythos. Aus einer Partei ein Symbol. Aus einem Symbol eine Prüfung: Wählst du, um zuzustimmen, oder wählst du, um zu zeigen, dass du dich von niemandem führen lässt?“
Lea schnaubt. „Und du meinst, deshalb soll man das laufen lassen?“
„Ich meine: Es gibt zwei Ebenen. Eine juristische, eine menschliche. Juristisch gibt es klare Leitplanken: Parteien gelten nach Artikel 21 Absatz 2 des Grundgesetzes als verfassungswidrig, wenn sie darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik zu gefährden; und über diese Frage entscheidet das Bundesverfassungsgericht.“
Lea nickt knapp. „Eben.“
„Und genau deshalb“, sagt Murat, „ist ein Verbot kein politischer Wunschzettel. Es ist ein Verfahren mit Hürden, Beweisen, Struktur. Das Grundgesetz behandelt Parteien wie zentrale Organe der Demokratie. Das Verbot ist die Ausnahme, die nur unter harten Voraussetzungen greift.“
Lea lehnt sich an das Regal mit den Chips. „Dann erklär mir die menschliche Ebene.“
Murat nimmt die Cola wieder hoch. „Die menschliche Ebene ist Marktpsychologie. Du kennst das aus der Kindheit: Ein Schild, ein roter Strich, ein Türchen, das plötzlich interessant wird. Aus dem Alltäglichen wird das Begehrte. Aus dem Banalen wird das Geheimnis. Ein Verbot kann wie ein Lautsprecher wirken.“
Lea: „Du vergleichst eine Partei mit Süßigkeiten.“
„Ich vergleiche das Begehren nach Trotz“, sagt Murat. „Der Trotz sucht ein Gefäß. Heute ist es diese Partei. Morgen findet er ein neues. Das Gefäß lässt sich wechseln. Der Inhalt sucht weiter.“
Der Kassierer stellt zwei Flaschen Cola Zero nach vorne, als hätte er das Stichwort gehört. Murat muss kurz lachen.
„Siehst du“, sagt er, „die Welt kennt Ersatzprodukte. Sie kennt bessere Angebote. Sie kennt eine neue Form, die das alte Verlangen umlenkt.“
Lea schaut weg, als würde sie prüfen, ob sie das überzeugt. „Und was ist mit den Menschen, die das wählen?“
Murat antwortet sofort, als hätte er den Satz lange in der Tasche getragen:
„Das Einzige, was trauriger ist als Alice Weidel, sind die, die Alice Weidel wählen.“
Lea atmet aus. „Hart.“
„Hart“, sagt Murat, „und trotzdem präzise. Traurig ist daran die Einsamkeit. Traurig ist daran der Moment, in dem jemand sich selbst aufgibt und stattdessen ein Feindbild adoptiert, weil es einfacher wirkt als Verantwortung. Traurig ist daran die Verwechslung von Lautstärke mit Kraft.“
Lea: „Und du willst denen mit Marketing begegnen?“
„Mit Realität“, sagt Murat. „Mit einem Angebot, das im Leben ankommt. Ein Verbot beantwortet die Frage: Darf diese Organisation unter diesen Voraussetzungen weiter existieren? Es beantwortet keine der Fragen, die in Küchen, Werkhallen, WhatsApp-Gruppen und stillen Schlafzimmern entstehen: Wofür lohnt sich mein Alltag? Wer sieht mich? Wo ist meine Würde? Wo ist mein Aufstieg? Wo ist meine Sicherheit?“
Lea tippt wieder auf ihr Display. „Aber wenn sie so stark sind—“
„Sie sind stark in Umfragen“, fällt Murat ein. „Und genau das ist der Punkt: Stärke in Zahlen zeigt ein Bedürfnis nach Richtung. In aktuellen Umfragen liegt die AfD teils auf Augenhöhe mit der Union oder an der Spitze.“
Lea presst die Lippen zusammen. „Umso mehr Grund, den Stecker zu ziehen.“
Murat schüttelt den Kopf. „Stecker ziehen funktioniert bei Maschinen. Gesellschaft ist ein Netz aus Geschichten. Wenn du eine Geschichte rausreißt, entsteht ein Loch. Und Löcher ziehen Wind. Sie werden zu Zugluft, die durchs ganze Haus pfeift.“
Lea schaut auf ihr Handy, als wäre es ein Messgerät für Temperatur. „Und währenddessen“, sagt sie, „spielen alle dieses Spiel: Wer schreit am lautesten, gewinnt die Minute. Wer schreibt den besten Hashtag, wirkt am moralischsten. Jede Seite ist plötzlich eine Kampagne. Jeder Satz ein Banner. Es ist wie ein Stadion. Aber am nächsten Morgen stehe ich wieder im Alltag. Und im Alltag passiert zu wenig.“
Murat sieht zur Tür, als würde er draußen eine Antwort finden. „Das Stadiongefühl macht kurzfristig warm. Der Alltag braucht etwas, das trägt.“
Er deutet auf die Tür des Spätis. Draußen läuft jemand vorbei, Kapuze tief, als wolle er unsichtbar bleiben.
„Schau“, sagt Murat, „da draußen laufen Menschen, die längst das Gefühl haben, unsichtbar zu sein. Eine Partei wie diese bietet ihnen Sichtbarkeit. Sie bietet ihnen Zugehörigkeit. Sie bietet ihnen eine Bühne. Sie bietet ihnen einen Gegner, damit sie sich selbst spüren. Das ist das Produkt.“
Lea: „Und was ist das Gegenprodukt?“
Murat überlegt kurz, dann sagt er langsam: „Ein Gegenprodukt ist eine Politik, die wieder stolz macht, ohne jemanden zu erniedrigen. Eine Sprache, die Probleme benennt, ohne Menschen zu sortieren. Eine Handlungsfähigkeit, die spürbar wird: Wohnung, Arbeit, Bildung, Ordnung, Aufstieg. Und ein Ton, der erwachsen klingt. Ein Ton, der die Welt aushält, statt sie zu zertrümmern.“
Lea nickt, als hätte sie genau darauf gewartet. „Und dazu gehört“, sagt sie, „dass jemand wieder Sätze sagt, die Verantwortung tragen. Keine Sätze, die sich hinter Floskeln verstecken. Kein ewiges Ausweichen. Ein klares Ja, wenn es Ja heißt. Ein klares Nein, wenn es Nein heißt. Entscheidungen, die sich im Leben zeigen, nicht nur in Talkshows.“
Lea: „Klingt wie ein Wahlplakat.“
„Es klingt wie das, was fehlt“, sagt Murat. „Und schau: Der Staat hat bereits Instrumente, die zwischen vollständigem Verbot und politischem Schulterzucken liegen. Ein Beispiel: Der Ausschluss einer verfassungsfeindlichen Partei von staatlicher Finanzierung wurde als Möglichkeit in Artikel 21 verankert; über so etwas entscheidet ebenfalls das Bundesverfassungsgericht.“
Lea blinzelt. „Also Zwischenstufen.“
„Zwischenstufen“, sagt Murat. „Und parallel dazu: politische Arbeit, die so gut wird, dass sie attraktiv wirkt. Du gewinnst Menschen selten, indem du ihnen das falsche Objekt wegnimmst. Du gewinnst sie, indem du ihnen ein besseres Objekt gibst.“
Lea schweigt. Der Späti brummt. Der Kühlschrank summt wie ein kleines Kraftwerk.
Dann sagt sie: „Und wenn das Verbot trotzdem kommt?“
Murat zuckt mit den Schultern. „Dann kommt es als Urteil, nicht als Stimmung. Dann kommt es als Entscheidung auf Grundlage von Kriterien, die im Grundgesetz stehen. Und selbst dann bleibt die menschliche Ebene. Der Trotz sucht weiter ein Gefäß. Demokratie arbeitet darum immer gleichzeitig am Recht und am Angebot.“
Lea nimmt eine Cola Zero aus dem Regal, hält sie kurz hoch, als wäre es ein Symbol, das sie gerade erst verstanden hat.
„Du willst also“, sagt sie, „dass man die AfD politisch überflüssig macht.“
Murat nickt. „Überflüssig ist das stärkste Wort. Es bedeutet: Es gibt etwas Besseres. Etwas, das trägt. Etwas, das Menschen nicht kleiner macht, damit sich andere größer fühlen.“
Lea stellt die Cola Zero auf den Tresen. „Dann schreib das so. Echt. Mit Asphalt. Mit Neon. Mit dem Gefühl, dass alles gleichzeitig banal und gewaltig ist.“
Murat lächelt. „Genau so. Weil es genau so ist.“
Draußen öffnet jemand die Tür. Ein Schwall kalter Luft, ein kurzer Blick in den Abend. Dann fällt die Tür wieder zu, und der Späti bleibt, was er immer ist: ein kleiner Raum, in dem große Fragen kurz stehen bleiben, bevor sie wieder hinaus müssen in die Stadt.
