KAPITEL 1 – DAVID
Ich sehe gut aus. Also besser, als ich bin.
Das Bild ist nicht gelogen. Ich stehe tatsächlich so da, im Hoodie, das Licht schräg über die Schultern. Die App hat nur ein paar Dinge „verfeinert“ – Konturen geschärft, meine Haut glatter gemacht, die Schatten auf meinem Kiefer ein bisschen heroischer gezeichnet. Ich hab das erste Selfie gemacht, direkt nach dem Training, als mein Gesicht noch gerötet war. Ich wollte ehrlich sein. Die App hat’s… überarbeitet.
Ich hätte ablehnen können. Aber ich hab auf „Übernehmen“ gedrückt.
Mein Profil wirkt stark, still, ein bisschen melancholisch. So, wie ich gerne wäre. Nicht so, wie ich morgens um sechs vor dem Spiegel aussehe, wenn ich Eiweißpulver in den Shaker kippe und überlege, ob ich’s heute wieder schaffe, nichts zu fühlen.
J. hat mein Profil geliked. Er schwimmt. Liest. Schreibt schöne Dinge, die gleichzeitig traurig und klug sind. Seine Fotos sind weich – Wasser, Lichtreflexe, ein dunkles Auge in Nahaufnahme. Die Haut sieht glatt aus, fast zu glatt, aber vielleicht hat er einfach Glück. Oder gute Gene. Ich weiß nicht, wie viel davon echt ist. Aber es fühlt sich nicht falsch an.
Unsere Chats sind… ruhig. Langsam. Irgendwie warm.
Er schreibt:
„Nähe entsteht bei mir nicht durch Körper. Sondern durch Sprache.“
Ich weiß nicht, wie man darauf antwortet. Ich lasse die App helfen. Sie schlägt einen Satz vor, der sich besser anfühlt als alles, was mir einfällt:
„Dann schreib weiter. Vielleicht komm ich dir näher, wenn ich lese.“
Ich schicke ihn ab.
Und warte.
KAPITEL 2 – JULIAN
Ich denke zu viel. Die App denkt besser.
Ich mochte mein Profil. Dachte ich zumindest. Bis die App mir zeigte, was daran alles… unausgewogen ist. Mein erstes Foto – zu dunkel. Mein Text – zu kompliziert.
„Lösche: ‘Ich verliere mich in Dingen, die kein Ziel haben.’
Ersetze mit: ‘Ich glaube an Umwege. Sie zeigen, was direkt verborgen bleibt.’“
Ich habe gelacht – aber es stimmte. Also klickte ich auf Speichern.
Ich weiß, dass ich mich etwas idealisierter zeige.
Etwas definierter am Bauch – die App hellt das Wasser auf, filtert meine Haut.
Etwas gelassener in meinen Sätzen – die KI rundet meine Formulierungen ab.
Aber ich dachte: Das machen alle so. Nur ein bisschen besser eben.
D. hat mir geschrieben. Sein Profil ist… schlicht. Fast still.
Er zeigt nicht viel, aber was er zeigt, wirkt kontrolliert. Kraftvoll. Seine Augen – scharf, ein bisschen zu klar. Ich vermute: Nachbearbeitet. Aber nicht unecht.
Er schreibt nicht viel. Aber wenn er etwas schreibt, bleibt es hängen.
Gestern:
„Ich glaube, Berührung beginnt da, wo Sprache endet.“
Ich habe den Satz gespeichert.
Nicht, weil ich ihm glaube – sondern, weil ich es glauben will.
Heute war ich schwimmen. Stadtbad. 7:10 Uhr. Fast leer.
Als ich rauskomme, kommt mir jemand entgegen – dunkler Hoodie, breiter Schritt, Boxertasche in der Hand.
Er schaut mich an, kurz. Ich nicke. Er nicht.
Sein Gesicht ist ruhig. Zu ruhig.
Ich denke: Er sieht ein bisschen aus wie D.
Aber D. würde nicht hier trainieren. Und er würde mich nicht erkennen.
Oder?
KAPITEL 3 – DAVID
Montag, 06:54 Uhr. Der Moment, in dem man noch zurück könnte.
Ich mag die Zeit vor sieben. Da ist die Luft im Gym noch neutral – keine Musik, kein Schweiß, kein Reden. Nur das Summen der Lampen und der Rhythmus meiner Schritte über Gummi. Ich brauche das. Fünfmal die Woche, immer zur selben Uhrzeit. Boxbereich, Handschuhe, Sandsack, 45 Minuten. Danach kalt duschen. Danach still sein. Danach funktionieren.
Heute ist etwas anders.
Ich habe ihn schon gesehen, auf dem Gang zur Umkleide. Der Typ vom Schwimmbecken – schmaler als ich, aber mit diesen präzisen Bewegungen, wie jemand, der weiß, wo sein Körper beginnt und aufhört. Ich erinnere mich an sein Gesicht, ohne zu wissen, warum. Da ist etwas in seinem Blick. Als würde er Dinge sehen, die ich nicht zeigen will.
Er steht jetzt am anderen Ende des Raums, auf dem Crosstrainer. Blick nach vorne, keine Musik, kein Lächeln. Ich beobachte ihn, ohne dass er es merkt – hoffe ich.
Seine Schultern. Seine Haltung.
Sein Geruch – wieder dieser Hauch von Bergamotte und Leder.
Ich habe ihn schon mal gerochen. Vor ein paar Tagen. Oder… im Chat?
„J“ hatte einmal geschrieben:
„Mein Lieblingsduft ist einer, den man kaum benennen kann. Holz, Pfeffer, irgendwo etwas Bitteres. Er riecht wie jemand, der selten spricht.“
Ich habe nicht geantwortet. Aber ich erinnere mich.
Und plötzlich denke ich: Was, wenn er es ist?
Aber nein. So funktioniert das nicht.
„J“ ist ein Bild, ein Text. Eine Idee.
Dieser Typ da drüben ist real. Schwitzt. Atmet.
Er kann gar nicht der sein, mit dem ich nachts schreibe.
Aber für einen Moment – einen sehr kurzen Moment – wünsche ich mir, dass es doch so ist.
Ich schlage gegen den Sandsack. Fester als sonst.
Nur um das Denken zu stoppen.
KAPITEL 4 – JULIAN
Ich glaub, ich hab ihn gesehen. Aber nicht erkannt.
Ich war nie gut mit Gesichtern. Oder eher: Ich merke sie mir falsch. Ich erinnere Stimmungen, Bewegungen, Stimmen – aber nicht Nasenformen oder Wangenknochen. Deswegen bin ich oft still, wenn andere sagen: „Den kenn ich doch von irgendwo.“
Aber heute… war da jemand.
Er war im Boxbereich. Dunkles Shirt, rutschende Handschuhe, diese präzise Wut auf dem Sandsack, als ob er jeden Schlag schon seit Stunden geplant hätte.
Ich war auf dem Crosstrainer. Kein Sound, kein Podcast, nichts. Nur ich – und dieser Blick.
Er hat mich gesehen.
Nicht aufdringlich. Nicht lang.
Nur einmal zu viel, um Zufall zu sein.
Und plötzlich hatte ich ein Bild im Kopf.
Kein echtes, sondern eher ein Gefühl. Ein Ton.
In einem der Chats mit D. hat er geschrieben:
„Ich trainiere, um den Tag vor mir zu vergessen, nicht um besser zu werden.“
Ich fand das seltsam ehrlich. Vielleicht auch traurig.
Ich hatte ihn mir nie als Boxer vorgestellt.
Eher als Läufer.
Und dann steht da dieser Typ – real, schwitzend, konzentriert –
und ich denke: Er klingt wie D. Aber er sieht nicht aus wie auf den Bildern.
Das ist der Trick, oder?
Dass wir nie wirklich wissen, was wir sehen.
Ich will nicht hinübergehen. Nicht mal näher hinsehen.
Ich will mir das Bild behalten, das ich habe – das auf der App.
Das, in dem D. genau das sagt, was ich hören will.
Ohne zu zögern. Ohne zu schauen.
Aber als ich gehe, spüre ich einen Moment lang seinen Blick im Rücken.
Und ich frage mich:
Was wäre, wenn das hier gerade nicht das erste Treffen ist?
KAPITEL 5 – JULIAN
Doppelt gesehen. Einmal echt, einmal digital.
Ich war spät dran. Ich bin eigentlich nie spät – ich stehe lieber zehn Minuten zu früh vor geschlossenen Türen als zehn Sekunden zu spät vor fragenden Blicken. Aber heute war es anders. Der Morgen war klebrig, der Kaffee zu schwach, mein Kopf zu voll. Ich schob mich in die Bahn Richtung Verlag, halb offen, halb müde.
Und dann sah ich ihn.
Den Typ vom Gym. Wieder.
Boxertasche über der Schulter, grauer Hoodie, der Blick irgendwo zwischen bewusst neutral und völlig abwesend.
Er stand nur drei Meter von mir entfernt, las irgendwas auf seinem Handy. Ich erkannte ihn sofort – nicht, weil er besonders auffällt, sondern weil er das Gegenteil ist: jemand, den man nicht vergisst, gerade weil er nicht versucht, Eindruck zu machen.
Ich schaute nicht zu lang. Nur ein Blick. Vielleicht ein bisschen zu neugierig. Vielleicht hat er’s gemerkt.
An der nächsten Station stieg er aus. Ich blieb.
Ein Restwärme hing in der Luft.
Ich zückte mein Handy.
Nachricht von D.
„Ich bin schon wieder zu spät haha. Irgendwann werd ich noch rausgeschmissen.“
Dazu ein Selfie.
Sitzplatz in der Bahn, Hoodie, Schatten im Gesicht.
Ein bisschen verschwommen. Lächeln angedeutet.
Nicht schön im klassischen Sinn – aber weich. Offen. Ehrlich.
Ich hielt inne.
Etwas an dem Bild fühlte sich… vertraut an.
Nicht wegen der Pose. Nicht wegen des Blicks.
Wegen dem Hoodie. Wegen der Stimmung.
Fast wie der Typ von gerade.
Aber das ist Quatsch.
Berlin ist groß.
Und „D“ existiert nur im Chat.
Ich schrieb zurück:
„Ich war auch zu spät. Scheint ein Tag für Umwege zu sein.“
Und dann ließ ich das Handy sinken.
Und sah mich noch einmal um.
Nur zur Sicherheit.
KAPITEL 6 – DAVID
Ich hab ihn gesehen. Die Unruhe im Blick.
Die Bahn war voll. Ich hatte zu lange vorm Spiegel gestanden, nach dem Duschen. Nicht, weil ich eitel bin – eher, weil ich manchmal vergesse, wie viel Zeit vergeht, wenn man nichts fühlt. Ich hasse es, zu spät zu kommen. Aber noch mehr hasse ich es, irgendwo anzukommen, wo ich nicht sein will.
Ich stand an der Tür, Boxertasche am Bein, Hoodie über dem Kopf, halb wach.
In der Reflexion der Scheibe sah ich ihn.
Schmale Figur, nasses Haar, offenes Hemd, diese Art, sich ins Telefon zu lehnen, als wäre das Gerät ein Gesprächspartner.
Ich drehte mich nicht ganz um. Nur so weit, dass ich ihn aus dem Augenwinkel sehen konnte.
Etwas an ihm war mir bekannt.
Nicht das Gesicht – das hätte ich mir gemerkt.
Aber die Art, wie er da stand. Wie jemand, der zu viele Gedanken in sich trägt, aber gerade keinen teilen will. Ich mochte das. Diese Art von Ruhe, die aus einer inneren Bewegung kommt.
Ich öffnete den Chat mit J.
Er war der Einzige, mit dem ich im Moment schrieb. Alle anderen hatten sich verlaufen in Smalltalk.
Nur bei ihm – oder besser: bei dem, was zwischen uns war – fühlte es sich echt an. Ernsthafter. Fast wie ein Gespräch unter der Oberfläche.
Ich schrieb:
„Ich bin schon wieder zu spät haha. Irgendwann werd ich noch rausgeschmissen.“
Dann zögerte ich.
Und schickte ein Selfie hinterher.
In der Bahn. Verschwommen. Hoodie überm Kopf.
Ich weiß nicht, warum.
Vielleicht, weil ich wollte, dass er mich sieht – so wie ich wirklich bin, nicht wie auf dem optimierten Profilbild.
Ich drückte auf Senden.
Kurz darauf kam die Antwort:
„Ich war auch zu spät. Scheint ein Tag für Umwege zu sein.“
Ich sah nochmal zu ihm rüber.
Er stieg nicht aus. Ich schon.
Und während ich über den Bahnsteig ging, dachte ich:
Komisch, wie manche Menschen einem für einen Moment bekannt vorkommen.
Als hätten sie einen Satz gesagt, den man längst gehört hat – nur nicht von ihnen.
KAPITEL 7 – JULIAN
Ich bin nicht bereit. Ich sitz nur hier.
Wir haben nie gesagt: Lass uns treffen. Aber es schwebt seit Tagen über dem Chat wie ein Versprechen, das keiner einlöst.
Man tastet sich vor. Zwischen Fragen wie „Woran erkennst du Nähe?“ und Sätzen wie „Ich mag dein Denken.“
Heute Morgen hat D. geschrieben:
„Irgendwann sollten wir doch mal den Kaffee in echt trinken.“
Ich hätte einfach „ja“ schreiben können. Hab ich aber nicht.
Stattdessen:
„Gerade ist’s schwierig im Verlag. Viel Stress mit einem Manuskript. Ich hoff, es wird bald ruhiger.“
Lüge. Natürlich.
Ich könnte sofort da sein. Aber ich trau mich nicht.
Weil ich weiß, dass ich nicht wie ich wirke.
Nicht wie das Profil. Nicht wie der Text, den die App für mich schöner macht.
Ich bin langsamer. Unsicherer. Ich hab keinen perfekten Teint. Ich rede manchmal durcheinander.
Und D.?
Er klingt, als hätte er Klarheit im Blut.
Und jetzt sitz ich da. In dem Café, das wir mal „Lieblingsort“ genannt haben.
Bestell den Drink, den wir beide mögen – Eiskaffee mit Hafermilch und Zimt.
Ich weiß nicht, warum ich hergekommen bin.
Oder vielleicht doch:
Um zu spüren, ob man jemanden auch dann vermissen kann, wenn man ihn nie getroffen hat.
Dann seh ich ihn.
Zwei Tische weiter.
Boxertasche unterm Stuhl. Schwarzes Shirt. Blick ruhig.
Vor ihm: genau mein Drink.
Ich stutze. Nur kurz.
Er sieht nicht exakt aus wie auf den Bildern. Aber…
Er könnte’s sein.
Oder sein Bruder. Oder nur ein Fremder.
Ich schreib D.:
„Wär schön, dich mal live zu sehen. Aber no pressure. Ich weiß, wie’s ist, wenn Projekte einen auffressen.“
Er schreibt fast sofort zurück:
„Haha. Same. Ich wollte heute eigentlich raus, aber dann kam doch wieder alles dazwischen.“
Ich schau rüber.
Er trinkt. Ich trink.
Wir heben fast gleichzeitig den Kopf.
Blicken uns an.
Ein Moment. Dann wieder weg.
Ich denk:
Vielleicht muss man sich nicht erkennen, um sich nah zu sein.
KAPITEL 8 – DAVID
Ich wollte gar nicht her. Jetzt bin ich trotzdem da.
Ich hab ihm nie gesagt, dass ich oft hier bin.
Eigentlich hab ich’s niemandem gesagt.
Ich komm her, wenn ich das Gefühl hab, dass ich nicht reiche.
Wenn ich mich neu sortieren muss – leise, ohne Spiegel.
Heute Morgen hat J. geschrieben:
„Vielleicht sollten wir den Kaffee irgendwann mal zusammen trinken.“
Ich hab’s gelesen und gemerkt, wie mein Puls sich verzieht.
Ich hätte sofort „ja“ sagen können. Aber ich hab geschrieben:
„Würd ich gern. Aber mein Kopf ist gerade voll. Viel im Büro. Ich will nicht halb da sein.“
Lüge.
Ich bin nicht halb da. Ich bin nur nicht… echt genug.
Nicht wie in meinem Profil.
Nicht so reflektiert, wie die App mich klingen lässt.
Nicht so fokussiert, wie mein Bild aussieht.
Nicht so ruhig, wie meine Nachrichten wirken.
Ich hab einfach Angst, dass er sich denkt: „Ach so. Das ist er?“
Also sitz ich hier, im Schatten, Boxertasche neben mir, vor mir der Drink – Hafermilch, Zimt, halb leer.
Ich seh mich nicht um. Aber dann, doch – mein Blick streift ihn.
Zwei Tische weiter.
Schlanker Typ. Buch auf dem Tisch.
Er sieht… offen aus. Aber nicht verfügbar.
Und: Er trinkt denselben Drink.
Ich starre nicht. Nur ein kurzer Moment.
Er sieht nicht genau aus wie auf dem Foto. Aber er wirkt wie… ein Echo.
Ich schreib J.:
„Wär schön, dich mal zu sehen. Aber ich versteh’s, wenn du gerade keine Luft hast.“
Er schreibt zurück:
„Same. Wollt heute raus, aber war dann doch zu viel. Vielleicht nächstes Mal.“
Ich lächle.
Nicht über ihn. Über uns. Über alles, was fast ist, aber nicht wird.
Und während ich das Glas leere, denk ich:
Wenn das nicht J. ist,
dann ist er trotzdem irgendwie hier.
KAPITEL 9 – JULIAN
Ich hab’s gesagt, bevor ich’s gedacht hab.
Ich hatte ihn schon wieder gesehen.
Vorgestern, im Café. Davor im Gym. Und jetzt wieder – Morgens, Umkleide, 6:52 Uhr.
Er war schneller als ich, wie immer.
Boxertasche auf dem Boden, Shirt über der Schulter, der Blick ausdruckslos – nicht kalt, nur sortiert.
Ich zog gerade meine Schuhe an, wollte schon den Kopfhörer einsetzen, als ich sah, dass er mich ansah.
Nicht lang.
Nur dieses Millisekunden-Zögern zwischen Blick und Wegschauen.
Ich weiß nicht, warum ich’s gesagt hab.
Wirklich nicht.
„Du bist irgendwie immer da, wenn ich da bin.“
Ich hätte mich sofort dafür ohrfeigen können.
Nicht witzig. Nicht charmant. Kein Kontext.
Er drehte sich leicht, hob eine Braue – nicht ironisch, eher überrascht.
Dann sagte er:
„Oder du, wenn ich da bin.“
Stille. Zwei Herzschläge lang.
Dann ein Nicken. Ein kleines, aber echtes.
Ich zog mein Shirt über, stand auf, wollte gehen, blieb aber doch einen Moment stehen.
Er griff gerade nach seinem Handtuch.
„Boxen, oder?“, fragte ich.
Er nickte.
„Und du? Schwimmen?“
Ich nickte.
Wir standen da, als würden wir gerade das Wetter abfragen, nur dass das Wetter wir selbst waren.
Ich weiß nicht, ob er’s auch gespürt hat.
Aber da war ein Moment. Kein Erkennen.
Nur ein: „Du fühlst dich seltsam bekannt an.“
Und ich dachte:
Wenn J. so klingt wie er –
und er so steht wie J. –
dann ist das vielleicht einfach nur… Zufall.
Oder etwas Besseres.
KAPITEL 10 – DAVID
Er hat’s gesagt. Und ich hab geantwortet.
Ich bin früh da gewesen. Wie immer.
Montag. 6:42 Uhr.
Der Spind, die Handschuhe, der gleiche Ablauf wie immer. Ich mag das. Die Wiederholung beruhigt mich. Sie erinnert mich daran, wer ich bin, auch wenn ich’s gerade nicht spüre.
Er kam rein, wie die letzten Male auch – halb nass, halb wach, mit dieser Art zu gehen, die aussieht, als würde er ständig zwischen Denken und Fühlen wechseln.
Ich sah ihn. Er sah mich.
Dann sagte er es:
„Du bist irgendwie immer da, wenn ich da bin.“
Nicht fordernd. Nicht flirty. Einfach nur: da.
Ein Satz, wie man ihn sagt, wenn man nicht mehr anders kann.
Ich zögerte. Eine Sekunde zu lang.
Dann sagte ich:
„Oder du, wenn ich da bin.“
Ich weiß nicht, warum ich das gesagt hab.
Vielleicht, weil ich gespürt hab, dass er was spürt.
Vielleicht, weil ich ihn nicht verwirren wollte.
Oder mich selbst.
Er hat dann gefragt, ob ich boxe. Ich hab genickt.
Ich hab gefragt, ob er schwimmt. Er hat genickt.
Und plötzlich standen wir da – zwei Männer, die einander kennen müssten, aber nichts wissen dürfen.
Ich dachte an J.
An einen Satz, den er mal geschrieben hatte:
„Manche Gespräche klingen wie Wasser – klar, aber nicht greifbar.“
So fühlte sich das an.
Als wäre zwischen uns eine Stille, die alles wusste – und wir reden drüber hinweg.
Ich hätte sagen können:
„Kennst du diese App…?“
Oder:
„Irgendwie kommt mir deine Stimme bekannt vor.“
Oder nichts.
Ich hab mich für nichts entschieden.
Nur ein kurzes Nicken zum Abschied.
Dann bin ich gegangen.
Und während ich über den Parkplatz lief, kam eine Nachricht von J.:
„Heute war ein komischer Morgen. Ich hatte das Gefühl, ich hab was fast erkannt.“
Ich hab’s gelesen.
Und nicht geantwortet.
Weil ich dachte:
Vielleicht haben wir das beide.
KAPITEL 11 – JULIAN
Er ist da. Immer. Und ich sag nichts.
Ich seh ihn jetzt ständig.
Nicht nur im Gym.
Auch in der Bahn. Am Späti. Einmal sogar im Supermarkt, einfach so, zwischen Haferflocken und Mandelmilch.
Er hat eine Tüte Orangen gekauft. Ich hatte keine Ahnung, was ich wollte, hab nur dagesessen und ihn angeschaut, als wär ich aus Versehen in sein Leben gestolpert.
Jedes Mal sagen wir „Hi“.
Nur das.
Ein kleines Lächeln, ein kurzes Nicken – wie Leute, die sich erkennen, ohne einander zu kennen.
Ich würde gern mehr sagen.
Fragen, ob er wirklich jeden Morgen da ist.
Oder ob er den Eiskaffee auch ohne Zimt kennt.
Oder warum er beim Boxen manchmal so aussieht, als würde er nicht gegen etwas schlagen, sondern für etwas.
Aber ich sag nichts.
Weil ich Angst hab, dass die Stimmung zerbricht.
Dass er mich ansieht und denkt: „Ach, du bist nur der, der immer nickt.“
Der Chat mit D. ist ruhiger geworden.
Fast mechanisch.
Ich schreibe, er antwortet.
Oder er schreibt, und ich lese es später.
Ich vergesse manchmal, worüber wir geredet haben.
Aber ich vergesse nicht, wo er stand, als er mich das letzte Mal angelächelt hat.
Es fühlt sich so an, als würde sich etwas verlagern.
Der Fokus.
Die Nähe.
Die Aufmerksamkeit.
Nicht weg vom Chat.
Sondern hin zu etwas Echtem.
Etwas, das nicht getippt werden muss, um da zu sein.
Und trotzdem denk ich bei jedem zufälligen Treffen:
„Heute sag ich’s.“
Und dann sag ich’s doch nicht.
Nur wieder: „Hi.“
Aber ich bleib länger stehen.
Und ich glaub, er auch.
KAPITEL 12 – DAVID
Ich seh ihn überall. Und sage immer zu wenig.
Es ist seltsam, wie jemand plötzlich einfach da ist.
Nicht aufdringlich. Nicht auffällig.
Sondern einfach… gegenwärtig.
Er taucht auf wie ein Muster, das man zuerst übersehen hat – und dann nicht mehr wegdenken kann.
Ich seh ihn in der Bahn, oft morgens.
Manchmal im Café, manchmal im Gym, einmal sogar vor dem Regal mit den Nüssen bei Rewe.
Er hat mir zugelächelt, ich hab genickt.
Wie immer.
Wir sagen immer nur „Hi.“
Nie mehr.
Aber auch nie weniger.
Und irgendwie reicht das fast – aber eben nur fast.
Ich würde gern was sagen.
Einfach mal fragen, wie spät er immer da ist. Oder ob er das Café schon mochte, bevor es alle kannten. Oder was er da eigentlich liest, wenn er da sitzt – denn es sieht nie aus, als würde er wirklich lesen.
Aber ich sag’s nicht.
Ich bin nicht gut mit neuen Gesprächen.
Ich kann über Ziele reden, über Struktur, über Training – aber nicht über Menschen.
Nicht, wenn’s zählt.
Nicht, wenn ich das Gefühl hab, dass ich was verlieren könnte.
Er wirkt offen.
Aber auch vorsichtig.
Wie jemand, der sich zeigt – aber nur, wenn man wirklich hinsieht.
Im Chat mit J. wird es ruhiger.
Wir schreiben noch. Aber ich merke, wie ich weniger will.
Nicht aus Ablehnung – sondern, weil jemand anders inzwischen mehr Raum in mir einnimmt.
J. war immer klug, sensibel, fast zu genau.
Aber der Typ mit dem offenen Lächeln am Späti?
Der ist hier.
Ich hab ihn neulich fast angesprochen.
Im Gym.
Er stand an der Tür, ich kam gerade vom Training.
Ich hatte schon Luft geholt – aber dann kam jemand dazwischen.
Und als ich wieder hinschaute, war er schon draußen.
Ich weiß nicht, was ich sagen will.
Aber ich weiß, dass ich’s will.
Und jedes Mal, wenn ich ihn sehe, denke ich:
„Vielleicht reicht morgen ein Satz mehr.“
Bis dahin:
„Hi.“
KAPITEL 13 – JULIAN
Ich wusste nicht, was passieren würde. Aber ich wollte nicht mehr ausweichen.
Der Laden war voll.
So voll, dass ich fast wieder umgedreht hätte. Aber ich hatte schon bestellt.
Eiskaffee mit Hafermilch und Zimt.
Ein Reflex inzwischen.
Ein Satz aus einem alten Chat, der längst wie meiner klang.
Ich stand da mit dem Becher in der Hand, suchte einen Platz –
und dann sah ich ihn.
Hinten links.
Boxertasche unter’m Tisch, dieser ruhige Blick ins Glas.
Ein Stuhl frei.
Ich zögerte nur kurz. Dann ging ich hin.
„Ist hier noch frei?“
Er sah hoch.
Erkannte mich.
Lächelte – nicht überrascht, nicht ironisch, einfach offen.
„Sicher. Klar.“
Ich setzte mich.
Mein Herz klopfte, aber mein Körper tat so, als wäre alles normal.
„Ich glaub, wir sehen uns öfter.“, sagte ich.
Er grinste kurz.
„Oder du mich, wenn ich da bin.“
Ich lachte.
Das war gut. Ehrlich. Schnell.
„Vielleicht gehören wir zum selben Stundenplan, ohne’s zu wissen.“
„Morgens Gym, mittags Kaffee, abends nichts erzählen.“
Wir grinsten beide.
Er nahm einen Schluck. Ich auch. Dann diese Pause.
Nicht unangenehm, aber dicht.
Wie vor einem Sprung, den keiner als erster machen will.
„Ich bin Julian.“
„David.“
Ich streckte die Hand hin. Er nahm sie.
Kurz. Warm. Fester als gedacht.
Dann redeten wir.
Über das Gym. Über Boxen. Über Schwimmen.
Über Berlin im Sommer, wenn alles gleichzeitig zu laut und zu nah ist.
Ich fragte ihn, was er beruflich macht.
Er sagte:
„Ich arbeite in einer Bank. Mach alles ein bisschen stabiler, als es wahrscheinlich ist.“
Ich sagte:
„Ich arbeite in einem Verlag. Und glaube immer noch, dass Sätze Menschen retten können.“
Er sah mich lange an.
Nicht kitschig. Einfach wach.
„Das ist wahrscheinlich wahr.“
Und irgendwann war klar:
Wir wollten nicht mehr so tun, als würden wir nur zufällig hier sitzen.
Er sagte:
„Donnerstag? Wieder hier?“
Ich sagte:
„Wenn du den Platz frei hältst.“
Er grinste.
Ich lachte.
Und als wir aufstanden, war mein Becher leer –
aber in mir war zum ersten Mal seit Langem nichts mehr halb voll.
Wir traten gleichzeitig aus der Tür.
Es war wärmer geworden. Die Stadt vibrierte leise.
Ich wollte noch irgendwas sagen, irgendwas Witziges. Aber es fühlte sich schöner an, es einfach so stehen zu lassen.
„Dann bis Donnerstag.“
„Donnerstag.“
Wir gingen in entgegengesetzte Richtungen.
Ich fühlte mich leicht. Nicht euphorisch, nicht verloren – einfach… klar.
Ein paar Meter weiter nahm ich mein Handy raus.
Ich hatte die App fast vergessen.
Sie war da, im Hintergrund. Aber das war sie schon länger.
Ich öffnete den Chat.
D. hatte nichts Neues geschrieben.
Ich scrollte kurz – und dann tippte ich:
„Ich hab jemanden kennengelernt.“
Ich drückte auf „Senden“.
Und schloss die App.
Ein paar Minuten später, in der U-Bahn, vibrierte mein Handy.
Neue Nachricht.
Von D.
Ich öffnete sie.
„Ich auch.“
Ich starrte auf den Bildschirm.
Und lächelte.
Nicht wegen der App.
Sondern, weil ich dachte:
Schön, dass es auch bei ihm klappt.
KAPITEL 14 – DAVID
Ich wusste nicht, dass ich darauf gewartet hatte. Bis es passiert ist.
Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass ich alleine sitze.
Nicht aus Trotz – eher aus Müdigkeit.
Der Laden war voll. Wie immer.
Ich mochte diesen Platz hinten links. Er war ruhig, halb im Schatten, halb im Licht.
Keiner redete einen an. Man konnte einfach existieren.
Bis er kam.
Becher in der Hand, suchender Blick, langsames Gehen.
Ich sah ihn früher als er mich.
Und trotzdem war es so, als würde sich alles gleichzeitig entscheiden:
dass er kommt, dass ich bleibe, dass etwas passiert.
„Ist hier noch frei?“
Ich hätte auch Nein sagen können. Nur so, aus Reflex.
Aber mein Mund war schneller:
„Sicher. Klar.“
Er setzte sich.
Ich spürte sofort, wie sich etwas verschob – in mir, im Raum, in der Luft.
Er passte da hin. Nicht weil es bequem war. Sondern weil es richtig war.
Wir sprachen wenig am Anfang.
Dann mehr.
Und irgendwann ganz selbstverständlich.
Über das Gym. Über Berlin.
Über Menschen, die zu laut sind und Gedanken, die zu leise bleiben.
Er erzählte von seinem Job beim Verlag.
Ich sagte, dass ich bei einer Bank arbeite.
„Also machst du aus Wahrscheinlichkeiten Sicherheiten?“, hatte er gefragt.
Ich lachte.
„Ich versuche es. Manchmal klappt’s.“
Er sagte, er glaubt an Sprache.
Ich glaubte ihm das.
Seine Stimme war tiefer, als ich gedacht hatte.
Er war klug. Schneller als im Chat.
Und – das war das Verrückte – echter.
Ich fühlte mich gut.
Nicht kontrolliert.
Nicht überlegen.
Nur… da.
Als wir gingen, war alles ruhig zwischen uns.
Nicht aus Schweigen. Aus Stille.
„Donnerstag?“, fragte ich.
„Wenn du den Platz freihältst.“
Ich grinste.
Und wollte nichts weiter sagen.
Ich wollte es nicht leichter oder schwerer machen.
Ich wollte es einfach lassen, wie es war:
Ein Moment, der stimmt.
Wir trennten uns an der Ecke.
Ich lief ein paar Schritte, nahm dann mein Handy raus.
Die App war noch offen.
Der Chat mit J.
Still. Freundlich. Fern.
Ich tippte:
„Ich hab jemanden kennengelernt.“
Schloss das Display.
Steckte das Handy weg.
Und atmete durch.
Fünf Minuten später vibrierte es.
Ich schaute.
Nachricht von J.:
„Ich auch.“
Ich starrte auf den Text.
Und dachte nur:
Gut. Wirklich gut. Ich hoffe, der andere meint’s ernst.
