DIE WAHL.

DIE WAHL.

RÜCKFAHRT

Vor ein paar Wochen bin ich von Berlin zurückgefahren.

Irgendwann war ich in Sachsen-Anhalt.

Die Straße ging weiter. Orte kamen und verschwanden wieder im Rückspiegel. Häuser, Plätze, Menschen.

Menschen, die irgendwo saßen.

Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen haben. Ich weiß nicht, wie ihr Tag war. Ich kenne ihre Rechnungen nicht, ihre Familien nicht, ihre Enttäuschungen nicht.

Ich habe nur ein paar Sekunden ihres Lebens gesehen.

Vielleicht waren sie glücklich.

Vielleicht habe ich nur das in ihre Gesichter gelegt, was mich selbst gerade beschäftigt hat.

Aber ich hatte dieses Gefühl.

Als würden sie warten.

Nicht auf einen Bus. Nicht auf jemanden, der gleich um die Ecke kommt.

Auf Veränderung.

Darauf, dass endlich jemand erscheint und sagt:

Du hattest recht.

Es war nicht deine Schuld.

Die anderen haben dir dein Leben kaputt gemacht.

Ich fuhr weiter.

Sie blieben sitzen.

Das klingt hart. Vielleicht sogar überheblich.

Wer bin ich, über Menschen zu urteilen, die ich nur aus einem fahrenden Auto gesehen habe?

Aber das Bild ist geblieben.

Vielleicht, weil die Wahl schon in meinem Kopf war.

Vielleicht, weil ich wusste, was passieren könnte.

Und vielleicht, weil ich diese Menschen verstehen kann.

Wirklich.

DIE WUT

Der Osten hat Dinge erlebt, die ich nicht erlebt habe.

Ein System ist verschwunden. Sicherheiten sind verschwunden. Berufe, Firmen, Lebensläufe und das Gefühl, dass das eigene Leben etwas wert war.

Dann kamen Menschen und erklärten, wie jetzt alles funktioniert.

Manches wurde besser.

Manches wurde einfach nur anders.

Und manches wurde kaputtgemacht.

Darüber muss man reden dürfen.

Man muss darüber reden, was falsch gelaufen ist. Darüber, wer profitiert hat. Wer verloren hat. Wer bis heute das Gefühl hat, nur dann interessant zu sein, wenn wieder eine Wahl ansteht.

Ich verstehe die Wut.

Ich verstehe den Wunsch, den Tisch umzuwerfen.

Aber wenn du den Tisch umwirfst, verschwindet der Hunger nicht.

Das Essen liegt danach nur auf dem Boden.

Und vielleicht ist genau das passiert.

Menschen wählen nicht mehr das, von dem sie glauben, dass es ihr Leben besser macht.

Sie wählen das, von dem sie hoffen, dass es den anderen wehtut.

Berlin.

Den Politikern.

Den Zugewanderten.

Den vermeintlich Erfolgreichen.

Denen, die angeblich alles bekommen, während für sie nichts übrig bleibt.

Es ist keine Hoffnungswahl.

Es ist eine Rachewahl.

WARUM SOLL ICH?

Und auch das verstehe ich.

Warum soll ich ehrlich sein, wenn Politiker nicht mehr wissen, was sie gestern gesagt haben?

Warum soll ich ein Nein akzeptieren, wenn aus einem politischen Nein nach der Wahl plötzlich ein Ja wird?

Warum soll ich verzichten, während diejenigen, die Verzicht predigen, selbst nichts verändern?

Warum soll ich Regeln ernst nehmen, wenn die Menschen, die sie machen, immer eine Erklärung dafür finden, warum sie für sie selbst gerade nicht gelten?

Politik will Vertrauen.

Aber Vertrauen ist kein Wahlplakat.

Vertrauen entsteht, wenn Worte und Handlungen zusammenpassen.

Und genau das fehlt.

Es wird geredet, korrigiert, relativiert, umgedeutet.

Ein Satz gilt am Montag.

Am Mittwoch war er anders gemeint.

Am Freitag hat ihn angeblich niemand so gesagt.

What the fuck.

Wie sollen junge Menschen lernen, dass Ehrlichkeit wichtig ist, wenn sie täglich sehen, dass man mit der richtigen Formulierung aus jeder Verantwortung herauskommt?

Wie sollen Menschen Regeln respektieren, wenn die Regeln aussehen, als wären sie nur für die anderen geschrieben worden?

Eine Gesellschaft kann nicht ständig Haltung verlangen und gleichzeitig Haltungslosigkeit vorleben.

Aber dann kommt der Punkt, an dem ich trotzdem Nein sage.

Denn wenn die Unehrlichkeit der anderen zu meiner Erlaubnis wird, selbst unehrlich zu sein, haben sie nicht nur mein Vertrauen zerstört.

Dann habe ich ihnen erlaubt, darüber zu entscheiden, wer ich werde.

MEINE ELTERN

Meine Eltern waren nicht perfekt.

Welche Eltern sind das?

Ich war früher auch nicht mit allem glücklich, was sie gemacht haben. Ich habe Dinge nicht verstanden. Ich fand Entscheidungen falsch. Manchmal ungerecht.

Aber irgendwann habe ich begriffen, was sie mir beigebracht haben.

Nicht mit Posts.

Nicht mit großen Reden.

Nicht mit irgendeinem moralischen Satz auf einem beigefarbenen Instagram-Bild.

Sie haben es gemacht.

Wenn sie Nein sagten, bedeutete es Nein.

Wenn sie etwas versprachen, hatte es einen Wert.

Wenn etwas nicht funktionierte, war nicht automatisch der Nachbar schuld.

Dann stand man auf und kümmerte sich darum.

Vielleicht war das nicht immer bequem.

Aber es war glaubwürdig.

Und heute bin ich glücklich darüber.

Nicht, weil ich alles genauso mache wie sie.

Sondern weil ich verstanden habe, dass Verantwortung nichts damit zu tun hat, ob immer alles deine Schuld war.

Natürlich ist nicht alles deine Schuld.

Menschen können dich verletzen.

Firmen können dich betrügen.

Politiker können falsche Entscheidungen treffen.

Ein System kann dich zurücklassen.

Aber irgendwann ist es dein Leben.

Nicht, weil du verursacht hast, was passiert ist.

Sondern weil niemand anderes morgens in deinem Körper aufwacht und entscheiden kann, was du jetzt damit machst.

FREIHEIT

Eigentlich sind manche Dinge einfach.

Jeder Mensch soll leben dürfen, wie er möchte, solange er anderen nicht schadet.

Wenn eine Frau ein Kopftuch tragen möchte, soll sie es tragen.

Wenn sie dazu gezwungen wird, muss man sie schützen.

Aber Freiheit entsteht doch nicht dadurch, dass der nächste Mensch ihr vorschreibt, was sie ausziehen muss.

Freiheit ist nicht:

Du darfst leben, wie du möchtest, solange du so lebst, wie ich es richtig finde.

Wenn jemand ein Verbrechen begeht, muss dieser Mensch dafür bestraft werden.

Nicht seine Religion.

Nicht seine Herkunft.

Nicht seine Nachbarn.

Er.

Nach denselben Regeln wie jeder andere.

Warum ist das plötzlich so kompliziert?

Warum diskutieren wir ständig darüber, welche Gruppe schuld ist, anstatt den einzelnen Menschen für sein Handeln verantwortlich zu machen?

Und wenn wir den Kapitalismus abschaffen wollen, dann müssen wir auch ehrlich darüber sprechen, was das bedeutet.

Wir können nicht Rendite, Wachstum, billige Produkte, Aktien, Lieferungen am nächsten Tag und die eigene Altersvorsorge behalten – aber das System abschaffen, sobald seine Folgen bei uns ankommen.

Du kannst alles verändern wollen.

Aber dann sag auch, was es kostet.

Alles andere ist keine Haltung.

Es ist eine Bestellung ohne Preis.

DIE LÜGE

Vielleicht ist die größte Lüge gar nicht das, was man uns erzählt.

Vielleicht ist die größte Lüge, dass wir alle so tun, als wären die Widersprüche keine.

Wir wollen Freiheit und immer neue Verbote.

Wir wollen Ehrlichkeit, solange die Wahrheit unserer Seite hilft.

Wir wollen Konsequenzen, aber für die anderen.

Wir wollen Veränderung, solange unser eigenes Leben genauso bleiben kann.

Wir wollen Klimaschutz, aber bitte mit Flug, SUV und Lieferung bis morgen.

Wir wollen weniger Kapitalismus, aber mehr Geld.

Wir wollen Politiker, die die Wahrheit sagen, aber wählen am liebsten diejenigen, die uns die angenehmste Lüge erzählen.

Jeder merkt das.

Die Jungen merken es.

Die Menschen im Osten merken es.

Die Menschen, die gar nicht mehr wählen, merken es.

Und irgendwann glaubt niemand mehr irgendwem.

DIE RACHEWAHL

Ich glaube nicht, dass diese Menschen alle dumm sind.

Das wäre eine zu einfache Erklärung.

Ich glaube, viele wissen, was sie wählen.

Sie wissen, dass der AfD-Landesverband in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird.

Sie hören, wie innerhalb dieser Partei über Menschen gesprochen wird.

Sie wissen, wer abgewertet wird.

Vielleicht wählen sie die Partei nicht trotzdem.

Vielleicht wählen sie sie genau deshalb.

Nicht, weil sie selbst unbedingt hassen.

Sondern weil sie wollen, dass endlich jemand die Angst spürt, die sie selbst so lange gespürt haben.

Hauptsache, jemand bekommt Angst.

Hauptsache, jemand verliert etwas.

Hauptsache, es tut einmal den anderen weh.

Ich sehe Alice Weidel.

Eine Frau, die mit einer Frau und ihren Kindern in der Schweiz lebt.

Und das darf sie.

Selbstverständlich.

Sie darf eine Frau lieben. Sie darf ihre Familie so leben, wie es für sie richtig ist. Sie darf wohnen, wo sie möchte.

Das ist Freiheit.

Nicht ihre Homosexualität ist das Problem.

Das Problem ist, privat von einer offenen Gesellschaft zu profitieren und gleichzeitig eine Partei zu führen, in der Menschen diese Offenheit für andere begrenzen wollen.

Freiheit, die nur für die Parteivorsitzende gilt, ist keine Freiheit.

Sie ist ein Privileg.

Und glaubt wirklich jemand, dass es Alice Weidel zuerst schlechter gehen wird, wenn dieses Land weiter auseinanderfällt?

Sie wird nicht als Erste den Arzt verlieren.

Nicht als Erste den Arbeitsplatz.

Nicht als Erste die Busverbindung.

Nicht als Erste die Hoffnung, dass die eigenen Kinder vielleicht doch bleiben.

Es wird die Menschen treffen, die jetzt dort sitzen.

Diejenigen, die glauben, sie hätten nichts mehr zu verlieren.

Denn Rache baut keine Schule.

Trotz bringt keinen Arzt zurück.

Hass eröffnet keinen Laden in einer verlassenen Innenstadt.

Du kannst ein Fenster einwerfen, weil dich das Licht beim Nachbarn stört.

Aber wenn es danach in deinem eigenen Haus kalt wird, hat der Nachbar nicht gewonnen.

Du hast dein eigenes Fenster zerstört.

GLÜCK

Während ich weiterfuhr, fragte ich mich, wann wir eigentlich verlernt haben, uns zu freuen.

Über das eigene Leben.

Über einen schönen Tag.

Und sogar über das Glück eines anderen.

Wann wurde das Haus des Nachbarn zu einer persönlichen Beleidigung?

Wann wurde seine Liebe zum Beweis für unsere Einsamkeit?

Wann wurde sein Erfolg zu etwas, das er uns weggenommen haben muss?

Sein Glück macht meines doch nicht kleiner.

Wenn mein Nachbar ein schönes Haus hat, habe ich nicht weniger.

Wenn jemand geliebt wird, nimmt er mir keine Liebe weg.

Wenn jemand erfolgreich ist, ist das kein Angriff auf mein Leben.

Vielleicht könnten wir sogar fragen, wie er es gemacht hat.

Vielleicht könnten wir lernen.

Vielleicht könnten wir uns einfach einmal freuen.

Ohne Vergleich.

Ohne Neid.

Ohne sofort nach dem Fehler zu suchen.

Es geht doch am Ende darum, glücklich zu sein.

Nicht immer.

Nicht künstlich.

Nicht dieses Instagram-Happy mit Pool, Filter und langsamer Musik.

Sondern wirklich.

Aufstehen und wissen, warum.

Menschen haben, denen man glaubt.

Etwas tun, das einen nicht jeden Tag kleiner macht.

Abends das Gefühl haben, dass man niemandem absichtlich wehgetan hat.

Und wenn es einem schlecht geht, den eigenen Arsch hochbekommen.

Nicht, weil man an allem selbst schuld ist.

Sondern weil man sich selbst wichtig genug ist, nicht für immer dort sitzen zu bleiben.

DIE WAHL

Die Straße ging weiter.

Irgendwann war Sachsen-Anhalt hinter mir.

Die Menschen nicht.

Ich sehe sie noch immer dort sitzen.

Vielleicht habe ich mich in ihnen getäuscht.

Vielleicht waren sie zufrieden.

Vielleicht haben sie gelacht, nachdem ich vorbeigefahren war.

Ich hoffe es.

Aber dieses Bild bleibt.

Menschen, die darauf warten, dass jemand anderes ihr Leben verändert.

Politik schuldet ihnen glaubwürdige Regeln.

Sicherheit.

Chancen.

Respekt.

Eine Sprache, die sie nicht für dumm verkauft.

Aber kein Politiker kann morgens für sie aufstehen.

Keine Partei kann ihnen beibringen, sich über ihren Nachbarn zu freuen.

Kein Wahlergebnis kann ein glückliches Leben herstellen, wenn das eigene Glück nur noch daraus besteht, dass es jemand anderem schlechter geht.

Vielleicht müssen wir deshalb nicht nur entscheiden, wen wir wählen.

Vielleicht müssen wir wieder entscheiden, wie wir leben wollen.

Wir können weiter nach Schuldigen suchen.

Wir können weiter die Menschen wählen, die am lautesten versprechen, anderen weh zu tun.

Oder wir können aufstehen.

Nicht vergessen, was passiert ist.

Nicht alles verzeihen.

Nicht so tun, als wäre alles gut.

Aber trotzdem weitergehen.

Vielleicht ist genau das die Wahl.

Nicht rechts oder links.

Nicht Ost oder West.

Sondern:

Rache oder Zukunft.

Warten oder Leben.

Die Lüge der anderen zu unserer eigenen machen.

Oder trotzdem der Mensch sein, an den wir selbst noch glauben würden.

DIE WAHL.